Der ärmliche Heubinder Michael Henchard verkauft im Zustand der Trunkenheit und Übermut seine Frau und Tochter auf einem Jahrmarkt, weil er ihrer überdrüssig geworden ist. Schon am nächsten Morgen bereut er seine Dummheit, doch seine Frau ist mit ihrem "Käufer", einem Seemann namens Newson, längst über alle Berge. Von diesem Tag an schwört er, 21 Jahre lang keinen Tropfen Alkohol anzurühren. Viele Jahre gehen ins Land, Henchard lässt sich in der Kleinstadt Casterbridge nieder und erarbeitet sich durch Fleiß und Zielstrebigkeit eine beachtliche Position, schließlich bringt er es bis zum Bürgermeister. Nach fast zwanzig Jahren erscheint seine Frau (ihr Mann Newson gilt als verschollen) mit ihrer Tochter, die er einst so schlecht behandelte, und bittet ihn, sie wieder aufzunehmen, da sie mittel- und heimatlos sind. Henchard, an dem seine alte Schuld immernoch nagt, willigt ein, macht aber zur Bedingung, dass weder ihre Tochter Elizabeth-Jane noch die Bürger von Casterbridge ihre gemeinsame Vergangenheit erfahren. Seine Versuche, das Geschehene wieder gut zu machen, enden jedoch in einem dramatischen Schicksal.
Schon zu Beginn vermag es Hardy, den Leser durch seine detaillierte und einfühlsame Beschreibung der Menschen und ihrer Umgebung in den Bann zu ziehen. Mit wenigen Pinselstrichen malt er ein Bild des frühviktorianischen Englands, in dem die Industrialisierung noch in den Kinderschuhen steckt. Doch bedeutender und faszinierender ist Hardys Fähigkeit, seine Protagonisten zu "psychologisieren". Sprache, Gang, Kleidung und Gesichtsausdruck der Menschen lassen indirekt auf ihren Charakter schließen, das Innere wird sichtbar nach außen gekehrt. Dieser Sinn für Optik und Ästhetik ist sicherlich nicht zuletzt der Arbeit Hardys als Architekt geschuldet. Der Farb- und Lichtsymbolik kommt in diesem Roman ebenfalls eine wichtige Rolle zu. Henchards Charakter ist von wechselhaftem Temperament, er ist widersprüchlich, ungestüm, und eigentlich sehr ungebildet und unkultiviert. Dennoch ist er kein schlechter Mensch, wie die Anfangsszene vermuten lässt. Er erdrückt seine Mitmenschen mit seinen unbeholfen wirkenden Freundschaftsbekundungen, sieht aber nicht, was diese Menschen wirklich wollen und brauchen. Sein Mangel an Menschenkenntnis und Urteilsvermögen verleitet ihn zu Handlungen, die für den außenstehenden Leser nicht nachzuvollziehen sind und die ihn in Situationen bringen, die seinem Ruf ernsthaft schaden. Durch eine Verkettung von Begebenheiten beginnt sein langsamer gesellschaftlicher Abstieg. Es ist das Schicksal eines einfachen Mannes, der sich mühevoll hocharbeitet, es zu Wohlstand bringt, im Innern aber doch der gleiche einfach gestrickte und von Fehlern behaftete Mensch geblieben ist, und dem fortdauerndes Glück nicht gegönnt zu sein scheint.
Zum Untertitel: Er bedeutet nicht das, was er suggeriert, oder was man als Leser mit dem Begriff "Mann von Charakter" verbinden mag. Aber er ist passend. Denn "Charakter ist Schicksal", wie Tochter Elizabeth-Jane aus Novalis zitiert. Im Nachwort wird Hardys Ansicht erläutert, dass man als Mensch nie vollkommen frei handeln kann, sondern dass unsere Persönlichkeit und Veranlagung uns dazu drängen, so zu handeln, wie es unserem Wesen entspricht. Und genau das ist bei Henchard der Fall - er kann einfach nicht aus seiner Haut heraus. Sein Charakter ist konsequent, und genau diese Konsequenz führt ihn in sein düsteres Schicksal.