Ebenso wie Maugham bin ich niemals ohne Bücher unterwegs. Die Handtaschen sind aus diesem Grund eher groß als zu klein und beinahe einen Koffer voll wird es schon bei größeren Reisen.
Jeder kennt die unvergleichliche Liebes-Geschichte, die im "Büchersack" beschrieben wird, ich möchte mich deshalb auf den Beginn dieser Erzählung beschränken. Der Autor beschreibt dort, aus welchem Grund Menschen lesen und warum er immer mit einem großen Sack voller Bücher reisen (muss).
"Manche lesen zur Belehrung, manche zum Vergnügen, ich lese aus Gewohnheit", stellt Maugham fest. Beklagenswert findet er das, aber Gespräche langweilen ihn nach einer gewissen Zeit und Spiele ermüden ihn, er stürzt sich auf Bücher wie der Opiumraucher auf seine Pfeife. Er würde lieber den Katalog "Army & Navy Stores" oder Bradshaws Eisenbahnkursbuch aufschlagen als gar nichts. Er sieht sich als Süchtigen, den Unrast und Nervosität umschleicht, wenn er keinen Lesestoff hat und der Seufzer der Erleichterung ist groß, wenn er wieder bedruckte Seiten verschlingen kann.
Ich kenne Menschen, die nie in ihrem Leben ein Buch gelesen haben. Maugham ist bestürzt, wenn er in der Eisenbahn Mitreisende trifft, die nicht mal ein einziges bei sich haben. Seit er irgendwo mal festsaß und alles ausgelesen hatte, reist er nur noch mit einem zentnerschweren Büchersack, prall gefüllt mit Stoff für alle Stimmungen - der Schrecken aller Zöllner und Lastenträger.
Das Ende der Erzählung ist wunderschön: "In der Stille, die nun eintrat, hörte ich den monotonen Chor der quakenden Frösche. Und plötzlich ließ sich ein Vogel, den man den Fiebervogel nennt, in einem Baum in der Nähe des Hauses nieder und begann zu rufen. Erst drei Töne, dann fünf, dann vier. Das bedeutete mal wieder eine schlaflose Nacht..." Für Maugham gewiss eine mit einem schönen Buch.
In "Der rote Ted" entspinnt sich die Fabulierlust WSM's an den stattlichen Bänden von "Sailing Directions", in dessen Ausgaben Schiffahrtsanweisungen enthalten sind. Vom Jangtsekiang bis Inselindien etc. "Diese geschäftsmäßigen nüchternen Bücher verführen zu verzauberten Reisen im Geiste, und ihr trockener Stil, die bewunderswürdige Ordnung, die sachliche Knappheit, mit der der Stoff behandelt wird, der strenge Sinn für das Praktische, der aus jeder Zeile spricht, vermögen nicht, die Poesie, die uns aus diesen Seiten entgegenweht, abzuschwächen. Ihr holder Duft betört, gleich der gewürzgeschwängerten Brise, welche unsere Sinne mit fast überirdischer Süße umfängt, wenn wir uns einer der magischen Inseln der östlichen Meere nähern." In diese Stil schreibt sich WSM in Stimmung, gewiss ein Vorfreudiger zu seinen Reisen und ein Genießer in jeder Richtung. Er schreibt dann: "Kann die Phantasie mehr Anregung für eine Reise durch Raum und Zeit verlangen?"
Ich schwärme für die Anfänge seiner Geschichte, für das Ende, die Übergänge zum Schluss, natürlich auch für die Mittelteile. WSM ist einer der phantsiereichsten Erzähler, die ich gelesen habe. Er ist ein Weitgereister, Immerreisender - innen und außen, ein genialer Beobachter, alles belebt er mit seiner Phantasie. Es wird mir immer seltsam leicht ums Herz wenn ich ihn lese. So wie ihm in "Das ewig Menschliche", als er in einem fast leeren Hotel in Rom nach Speis und Trank feststellt: "...und angenehme Gedanken zogen mir durch den Sinn. Dialogfetzen fielen mir ein, und meine Phantasie spielte glücklich mit den Personen eines Romanes, den ich gerade in Arbeit hatte. ICH ROLLTE EINEN SATZ AUF DER ZUNGE HERUM, UND ER SCHMECKTE BESSER ALS WEIN."
In der Tat der Name W. Somerset Maugham klingt schon gut und seine Geschichten in diesem Buch sind besser als Wein, sie sind ein ganzes Fünf Sterne 7-Gänge Menü mit allem, was das literarische, phantasievolle Herz begehrt.