Der Schriftsteller Detlef Opitz (Jg.1956) passt nicht in den allgemeinen Kanon der deutschen Gegenwartsliteratur! Vielmehr ist seine Literatur schwer zuzuordnen. Zuweilen heisst es, sie sei regelrecht zeitlos. Der Autor wird als Kauz und Exot bezeichnet, aber auch als Genius und "literarischer Einzeltäter allerhöchsten Kalibers".
Bereits mit seinem 'Luther'-Roman "Klio, ein Wirbel um L." (1996, Steidl-Verlag), setzte Opitz ganz neue Akzente. Der enorme, sehr aussergewöhnliche Sprachreichtum. Die oft verblüffenden stilistischen und inhaltlichen Kapriolen. Eine barocke, ja geradezu unheimliche Lust am Erzählen: - All das hebt bereits diesen Roman vom täglichen Allerlei des gegenwärtigen Literaturbetriebs ab.
Im Herbst 2005, immerhin neun(!) Jahre nach Erscheinen von "Klio, ein Wirbel um L.", erschien der Roman "Der Büchermörder". Im Mittelpunkt der Handlung steht ein sächsischer Prediger, Orientalist, der authentische Magister Johann Georg TINIUS (1764-1846). Der wurde im Jahre 1813 beschuldigt, in Leipzig zwei Raubmorde begangen zu haben. Das Motiv: von dem erbeuteten Geld seine immensen Bücherrechnungen zu bezahlen. Der Prozess zog sich über 10 Jahre hin: Er führte schliesslich zur Verurteilung des umtriebigen Magisters, obwohl dieser sich zeitlebens für unschuldig erklärte. Noch nach seiner Verurteilung, aus dem Kerker in Zeitz heraus, trachtete er danach, seine Unschuld zu beweisen ohne Erfolg, wie man erfährt.
Dieser Prozess erregte zur damaligen Zeit hohes Aufsehen. Sogar der Geheimrat Goethe im fernen Weimar war in gewisser, ganz unrühmlicher Weise in den Fall involviert.
Wenige Jahrzehnte später geriet die causa jedoch in Vergessenheit, was auch damit zu tun hatte, dass die betreffenden Prozessakten nach offizieller Auskunft bereits Mitte des 19. Jahrhunderts makuliert wurden, so dass es nicht mehr möglich war, authentisch über den Fall zu berichten. Oder?
Detlef Opitz nun entwickelte seinen Roman auf mehreren Ebenen. Da ist zunächst die Lebensgeschichte des Magisters und die Geschichte seines Verfahrens. Darüber hinaus gibt es eine unglaublich spannende Gegenwartsebene, die die Recherchen nach Tinius darstellt. U.a. gelingt es dem Autor (bzw. dem Romanhelden) nach langjährigen Mühen, die makuliert geglaubten Originalakten wieder aufzufinden - in einer deutschen Spezialbibliothek in Boston. Aber selbst wenn man sich nicht so für das Schicksal eines deutschen Bibliomanen interessiert, so kommt man doch nicht umhin, den sprachlichen und stilistischen Reichtum und vor allem den ab- und hintergründigen Humor dieses Werkes anzuerkennen. Opitz scheint alle literarischen Stile der letzten dreihundert Jahre quasi im Schlaf zu beherrschen und oft möchte man meinen, es sei ihm gar nicht so sehr am tragischen Schicksal des Magisters gelegen, sondern mehr daran, der zunehmenden und mindestens ebenso tragischen Verarmung einer Sprache entgegen zu wirken. So kann man getrost sagen: Detlef Opitz setzt nicht allein dem Büchermörder Tinius ein literarisches Denkmal, sondern darüber hinaus der deutschen Sprache.
Und, mit Verlaub, sich selbst.
Hans-Peter Buergerl