Günter Oggers Buch "Der Börsen-Schwindel" beschreibt in einem flotten und teilweise sehr sarkastischen sprachlichen Stil Missstände, die nach dem Börsengang der "Telekom" am sogenannten "Neuen Markt" (den es heute dem Namen nach nicht mehr gibt) beobachtet wurden. An diesem "Neuen Markt" wurden in Deutschland von Banken und Emissonshäusern Aktien-Neuemissionen herausgebracht, bei denen es sich zum größten Teil um recht unseriöse kleinere Aktiengesellschaften handelte, deren Gründer die Aktionäre, bei denen es sich damals meistens um Börsen-Neulinge (= Frischfleisch) handelte, als ihr persönliches Melk- oder Schlachtvieh betrachteten, sie täuschten, belogen und betrogen, die Aktiennotierungen durch Hype und Ad hoc-Mitteilungen hochjubelten und sich dann mit dem aus Börsengang, Kapitalerhöhungen sowie Firmenteilverkäufen erzielten Erlösen ein schönes Geschäftsführer-Leben oder gar davon machten. Ogger beschreibt auch konkret und unter Namensnennung einige Macher, die die Fäden hinter dem "Neuen Markt" gezogen haben und die Kleinaktionäre wie die Marionetten nach ihren Rattenfänger-Melodien tanzen ließen.
Günter Ogger, der als Redakteur bei der Finanzzeitschrift "Capital" tätig war, klagt in seinem Buch auch das deutsche "Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel" der Nachlässigkeit an und verweist auf die angeblich viel härtere Gangart der amerikanische Aufsichtsbehörde SEC. Nachdem aber die SEC zehn Jahre lang die Warnungen vor Bernard Madoffs Schneeballsystem ignoriert hat und inzwischen dafür bekannt geworden ist, kleine Pump & Dump-Läden hochgehen zu lassen und die großen Ganoven in einflussreichen Banken ungeschoren zu lassen, wirkt dieser Vergleich der Aufsichtsbehörden heute - zehn Jahre nach dem Erscheinen von Oggers Buch - natürlich auch nicht mehr sehr glaubhaft (s. Buch "No One Would Listen" von Markopolous).
Bezüglich der Qualität des Satzes und des Editings ist das im Blocksatz gesetzte Druckprodukt, das mir vorlag, leider enttäuschend nachlässig ausgefallen. Nicht nur dass im Schriftbild durch den Blocksatz stellenweise extrem weite Lücken auftreten, die man durch manuelle Trennungen hätte korrieren können (oder rein handwerklich gesehen: sogar hätte korrigieren müssen). Auch Trennungen von Wörtern mitten im Satz treten sehr häufig auf und wurden vergessen zu bereinigen. Mal steht ein Punkt mitten im nicht beendeten Satz (S. 152 13. Zeile von unten), dann fehlen hingegen wiederum Kommata oder es gibt Schreibfehler wie "Büro" statt "Euro" (S. 17) oder gleich mehrmals "Berteismann" statt "Bertelsmann" (zuletzt S. 253), obwohl das Buch in einer Version sogar bei "Bertelsmann" produziert wurde. Die Korrekturleser arbeiteten anscheinend ziemlich nachlässig. Da ich selbst jahrelang bei einem Verlag tätig war, kann ich derartige Schlampereien heute einfach nicht mehr wortlos übergehen. Es fiel mir auch negativ auf, dass der Autor sich leider nicht die Mühe gemacht hat, seine vielen Zitate aus Wirtschaftszeitschriften mit ordentlichen Quellenhinweisen zu versehen.
Ein ganz besonderes Highlight des Buches war für mich persönlich die Beschreibung des deutschen Börsenbooms der Jahre 1871/72 ("Gründerzeit"), denn ich hatte keine Ahnung, was damals im deutschen Kaiserreich passiert war. Diese geschichtlichen Ereignisse im Deutschland des 19. Jahrhunderts ähnelten sehr stark den späteren "Roaring Twenties" und der folgenden "Großen Depression" in den USA. Eine interessante Geschichtsstunde, die für mich alleine den Preis des (gebraucht gekauften) Buches aus dem Jahr 2001 wert gewesen ist! Interessant für die heutige Zeit ist auch Oggers Hinweis, dass in den inflationsgeplagten Jahren von 1970 bis 1985 gerade mit deutschen Aktien kein Ausgleich der Geldentwertung erreicht werden konnte, was im genauen Gegensatz zu dem steht, was zahlreiche Börsenbriefe uns heute einreden wollen, die in starkem Maße Inflationshysterie unter den Deutschen schüren und dann hilfreich ihre Beratungsdienste verkaufen wollen (auch mit amerikanischen Aktien war dies so!).
Bezüglich der von Herrn Ogger aufgezeigten Missstände (schöne neue Rechtschreibung!) scheint es so zu sein, dass sich seit Drucklegung des meines Erachtens nach nützlichen und empfehlenswerten Buches recht wenig zum Positiven geändert hat. Es gibt sie immer noch unter "Anlegern" (= Börsen-Spekulanten) - die Gier - und, diese ausnutzend, lassen sich anscheinend weiterhin sehr gute Geschäfte machen. So Startup: Let's go public!