Neue Zürcher Zeitung
Charles Fernyhoughs Erstlingsroman «Der Auktionator»
Ein Mann gleitet in einen Swimmingpool. Eine Frau sitzt unbeteiligt am Rand und schaut zu ein Motiv aus David Hockneys Gemälden? Aber die Szene spielt nicht im sonnendurchfluteten Kalifornien, sondern im nachtschwarzen Sydney. Und für die Globetrotter in der sezierend genau beschriebenen, beinahe puppenspielhaften Sequenz zählt das Gestern, Heute und Morgen gleich viel; ihre Gegenwart ist der Drogenkonsum, das Erlebnis eingebildeter Freiheit und damit eine Zeitlosigkeit, die durchaus wieder in Hockneys Welt einmünden könnte. So beginnt Charles Fernyhoughs Débutroman, der dem Leser Licht-, vor allem aber Schattenseiten eines jungen Lebens vorführt. Dunkel ist diese Literatur, bisweilen ironisch gefärbt und doch auch von fataler Ernsthaftigkeit; einer Ernsthaftigkeit, die dem Buch mitunter im Weg zu stehen scheint.
«Der Auktionator» so hat der 1968 in Essex geborene Schriftsteller seinen Roman genannt. In ihm geht es um das Erkennen, um uralte Fragen des Woher und Wohin. Wie ein Leporello, das erst ausgebreitet seinen Gehalt preisgibt, entfaltet Fernyhough das Leben seiner Hauptperson Finn in Erinnerungs- und Erkenntnisschüben, in denen sich Vergangenheit und Gegenwart ineinander schieben. Finn hat die Welt bereist; im Gedächtnis aber bleibt jene Schlüsselszene im nächtlichen Sydney. Hier hatte er zum ersten Mal Anne gesehen, auf einer Bank sitzend, bekleidet mit einem Kandinsky-Kleid, die scheinbar Unbeteiligte draussen am nächtlichen Pool. Dieses Sehnsuchts-Bild, ständig neu ausgemalt, wird zum Kopf-Begleiter des Erzählers. So stark, dass er die Gegenwart nur durch diesen Rahmen hindurch wahrzunehmen vermag.
Zurück in England, haust Finn in einer aufgelassenen Fabrik; zusammen mit einer stattlichen Zahl anderer Unkonventioneller. Und so abwechslungsreich, farbig und bunt wie die Bewohner ist auch das Lager der dort angesammelten Gegenstände: Auf meterhohen, staubigen Regalen stapeln sich Nützliches und Nutzloses, Kunst und Kitsch, der Krempel vergessener Leute, ein Kompendium der Alltäglichkeit, bereit für die nächste Auktion. Die Gegenstände aber deshalb beschäftigen sie den Auktionator Finn erzählen vom Leben. Und Geschichten, dies weiss Finn, sind immer auch Erklärungsversuche.
Warum hatte man den Wagen seiner Mutter an jenem regennassen Tag im Strassengraben gefunden? Warum starb sie so früh: Hatte sie aus der unglücklichen Ehe fliehen wollen? Da ist die Schachtel mit alten Fotos, ein abgeschabter Ehering, schliesslich die Porzellanfigur, die man im Kofferraum der Verunglückten fand das alles sind Indizien, die dem Sohn die rätselhafte Geschichte der Mutter zu entzerren helfen. Vorbei an den Lügen des Vaters, vorbei an den schüchtern liebevollen Erklärungsversuchen seiner neuen Frau. Aber die Rekonstruktion des Vergangenen, so besessen sie auch betrieben wird, bleibt nur Annäherung, ein Bild unter vielen, eine isolierte Erklärungspartikel.
So ist Fernyhoughs Roman ein Entwicklungsroman (indem der Protagonist über die Rekonstruktion der Vergangenheit ins Leben zurückfindet) und auch wieder nicht; denn was sich oberflächlich als zielgerichtete Entwirrung obskurer Lebensstränge liest, offenbart sich als episodisch verschachtelte Literatur, in der die Realität doch nur immer Ausschnitt bleibt, bleiben muss.
Finns Geschichte ist die der Verluste: Seine Mutter hat er früh verloren, Anne, die geheimnisvolle Fremde, hat er nie besessen, seine Frau Hen leidet unter den Gedächtnistrübungen der geheimnisvollen Marienkrankheit und lebt in einer Welt, in der eine andere Logik gilt. Auch das Bemühen um Unkonventionalität versandet schliesslich ganz gewöhnlich im Konglomerat ungestillter Sehnsüchte, einem unsteten Suchen, dessen Ursprung und Motivation unbenannt bleiben. Ohnehin hat die wohlgehütete Fassade des Post-Hippie-Daseins bald Risse bekommen: Roxanne, eine Mitbewohnerin, findet man reglos, voll gepumpt mit Drogen auf dem Dach der Fabrik.
So entwirft Fernyhough einander unablässig kreuzende und somit bedingende Schicksale, einen Reigen der Spiegelungen. Aber diese Erzähllust zunächst durchaus eine Stärke des Buches erweist sich zunehmend als Schwäche, weil sie der Autor längt, verzögert, Episoden immer wieder neu belichtet und bebildert. Als dann auch noch Anne unvermittelt auftaucht, der Ich-Erzähler seine grosse Liebe wieder entdeckt und erobert, rückt das Buch in gefährliche Nähe einer (Lebens-)Bewältigungs-Literatur. Dabei hat Fernyhough seinen Roman klug disponiert; die Gegensatzpaare Leben und Tod, Vergangenheit und Gegenwart durchdringen einander. Selbst der Erkenntnis setzt Fernyhough ein komplementäres Element entgegen die Marienkrankheit, die die Menschen hinter einem fixierten, dumpfen Lächeln verschwinden lässt.
Es ist die Erinnerung, die ein Leben strukturiert, die Rekonstruktion der Vergangenheit, die den Erzählfluss in Gang hält. An dieser mitunter mühsam aufrechterhaltenen Konstruktion aber leidet der Roman: Je mehr er im Begründungsnotstand eine Erklärung anstrebt, desto geheimnisloser wird er. Die Faszination dieses Buches aber liegt gerade in den wunderbar geglückten Beschreibungen einer assoziativ zerfasernden Welt, einer Literatur also, die dem Erzählten sein Geheimnis lässt, sich nicht selbst ständig konstruierend ins Geschehen fällt. Mitunter fehlt Fernyhough jener Abstand zum eigenen Thema, der es ermöglichen würde, den eigenen Stoff von aussen betrachtend in der Schwebe zu halten, als sei es ein fremder.
Tilman Urbach
Perlentaucher.de
Der Soundtrack von Genesis färbt auf die Erzählatmosphäre des "Auktionators" ab, findet Friedhelm Rathjen, der den Roman "versponnen, gewitzt, klar im Ton und rätselhaft in der Botschaft" charakterisiert. Der Held dieses Buches, Finn Causley, muß sich mit traumatischen Erlebnissen der Kindheit und der Gegenwart auseinandersetzen. Wohl am einschneidensten ist die Marienkrankheit seiner Frau Hen und anderer Menschen seiner Umgebung, die sich durch totale geistige Absenz äußert und die der Rezensent als Fernyhoughs Version der "ultimativen Zivilisationskrankheit" bezeichnet. Die Betroffenen haben das "eingefrorene Dauerlächeln der Glückseligkeit im Gesicht" und sind zu kaum noch etwas fähig. Finn, so der Rezensent, sammelt ihre Hinterlassenschaften und versteigert sie schließlich. Die Dinge, erklärt Rathjen, haben keine Geschichte mehr, sobald das Gedächtnis des Besitzers versagt, aber Finn dichte ihnen im Verkaufskatalog eine neue an. Rathjen lobt den "Auktionator" als eine wunderbare Leistung, weil es dem Autor gelinge, mit der "Auffächerung der Welt zu isolierten Dingen, Zeiten, Orten" ein Bild der "allgegenwärtigen Desorientierung" zu zeichnen.
© Perlentaucher Medien GmbH
Kurzbeschreibung
Sammelt nicht jeder im Lauf seines Lebens Dinge, die ihm etwas bedeuten, dann aber in Vergessenheit geraten, verstauben, lästig sind? Wie wäre es, wenn diese Dinge ihre Geschichte erzählen könnten? Finn Causley sammelt den Krempel anderer Leute, lagert ihn in einer riesigen viktorianischen Fabrik im Herzen Englands ein und versteigert die nicht abgeholten Sachen, indem er ihnen redegewandt Geschichten andichtet. Wenn er jedoch Dinge betrachtet, die mit seiner eigenen Vergangenheit zu tun haben, kommen immer wieder dieselben Erinnerungen hoch: die kleine Porzellanfigur, die im Auto seiner Mutter gefunden wurde, als sie einen tödlichen Unfall hatte; der Stein, den er mit seiner Frau am Strand entdeckte, der Frau, die er jahrelang betrog, weil er von einer anderen träumte, einer in einem Kandinsky-Kleid unter dem nachtblauen Himmel von Sydney; die Baseballkappe, die eine von den zehn Mitbewohnern der Fabrik Freunde und Globetrotter allesamt, und gefährlichen Substanzen nicht abgeneigt in den Händen hielt, als man sie fand
Poetisch und mit einem sehr zarten Gespür für die Beziehungen zwischen Menschen erzählt der Engländer Charles Fernyhough von der Wahrheit, die in den Dingen steckt, von den Lügen, mit denen man sich und andere betrügt, und von der Liebe, die jeder sucht und die nur wenige erkennen.