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Der Augenblick der Liebe
 
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Der Augenblick der Liebe [Taschenbuch]

Martin Walser
3.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (17 Kundenrezensionen)
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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Die Klassiker kommen in die Jahre, ihre Figuren auch. Gottlieb Zürn, in Das Schwanenhaus noch umtriebiger Immobilienmakler, ist nicht mehr im Geschäft, macht seiner Frau Anna die Buchführung und sich selbst Gedanken über das Leben und das Alter(n). Als er Beate kennen lernt, geht er noch einmal auf Die Jagd.

Zunächst heißt es allerdings warten, denn nach einem nur zweistündigen Augenblick der Liebe kehrt Beate zurück in die USA zu ihrer Doktorarbeit. Zürn kämpft mit seinen Gefühlen, mit den Konventionen, die ihm "Altersgeilheit" unterstellen, und dem "Käfig, der Biographie heißt". Kann er der heillos harmonischen Ehe-Routine, dieser "wunderbaren Wüste gemeinsam erworbenen Schweigens", ein letztes Mal entfliehen?

Dominiert wird die erste Hälfte des Romans aber von Beates Ringen um akademische Anerkennung: "Dieses Murksen und Placken in der ersehnten sommerlichen Einsamkeit", Lesen, Lehren, Lieben -- "Springreiterei forever". Eine Tagung über den Aufklärer La Mettrie -- gemeinsames Forschungsthema von Zürn und Beate -- bietet Gelegenheit, die Liebesfantasien auf ihre Realitätstauglichkeit hin zu überprüfen. Walser wiederum kann hier politische und amouröse Motive überblenden: Wenn Zürn über "nichtsnutzige Schuldgefühle" referiert oder erkennt, dass "das kostbare Kindheitsgut Gewissen zur Rezeptur verkommen" ist, befinden wir uns mitten in den Vergangenheitsdebatten der jüngeren Zeit.

"Inzwischen wacht das Gedächtnis über das Gewissen. Ob das lebensfeindlich ist, ist dem Gedächtnis egal." La Mettrie wird -- auch wenn Walser das vorsorglich bestreitet -- zum Gewährsmann für einen vermeintlich unverkrampften Umgang mit der deutschen Geschichte. Zürn erscheint abwechselnd alterswild ("Schluss mit dem Gelobtwerdenwollen") und resignierend ("Menschenpfusch", "nicht gut aussehend, nicht reich, nicht einmal geistreich"). Was man dem Provokateur krumm nimmt, verzeiht man dem "Lebensidiot schlechthin", ohne ihn und sein Treiben immer zu verstehen.

Ein Buch mit zwei starken Hauptfiguren, die die Neigung zum Sentenzenhaften mehr als wett machen. Ein Roman über den (männlichen) Methusalem-Komplex im besonderen und über Männer und Frauen im allgemeinen: "Allein jeder, aber zusammen für immer." --Patrick Fischer -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

Pressestimmen

"Ein Loblied auf die Freiheit der Liebe ebenso wie ein Loblied auf die Geborgenheit in der Ehe. Ein Plädoyer für die Befreiung von Schuldgefühlen wie ein Fragen nach den Zusammenhängen von Schuld. Geschrieben mit der Wut des Provokateurs, mit dem Charme der alten Sünden und dem Witz des Komödianten." (ARD)

"Kaum einer vermag die Verwerfungen und Abgründe in den menschlichen Verhältnissen besser auszuloten als Martin Walser." (Spiegel)

"Walsers schönster Roman." (SWR)

Kurzbeschreibung

„Walsers schönster Roman.“ (Martin Lüdke, SWR) Gottlieb Zürn erhält Besuch von einer Doktorandin. Sie interessiert sich für Aufsätze über den französischen Philosophen La Mettrie und überreicht ihm, er ist erstaunt und merkwürdig geschmeichelt, eine Sonnenblume. Sie könnte, wie er sieht, seine Enkelin sein. Und doch vernimmt er sofort das Klirren erotischer Möglichkeiten. Sie: „Es gibt nichts, wofür man nicht gestraft werden kann.“ „Ein Buch, das mit literarischer Brillanz und insistierender Intelligenz der Wahrheit unserer Empfindungen nachgeht.“ (Ulrich Greiner, Die Zeit)

Über den Autor

geboren 1927 in Wasserburg, lebt in Überlingen am Bodensee. Für sein literarisches Werk erhielt er zahlreiche Preise, darunter 1981 den Georg-Büchner-Preis und 1998 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Außerdem wurde er mit dem Orden «Pour le Mérite» ausgezeichnet und zum «Officier de l’Ordre des Arts et des Lettres» ernannt.

Auszug aus Der Augenblick der Liebe von Martin Walser. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Zuviel auf einmal sagen wollen, das ist ihre ihr bewußte, aber deswegen nicht weniger unbehebbare Schwäche.
Ihre Schulaufsätze waren oft genug mißraten, weil sie ihr Allesaufeinmal keiner Komposition unterwerfen konnte. Jetzt soll sie La Mettrie und ihn auseinanderhalten. Sie hatte ihm schon zwei Briefe, Dankesbriefe, geschrieben. Hatte ihn weder mit seinem Namen angeredet, noch am Ende mit ihrem Namen gegrüßt. So waren es eher Arbeitszeugnisse geworden als Briefe. Aber sie hatte die Vermeidung der Namen doch mit ihrer Namensscheu begründet und die entstanden sein lassen aus dem, was sie ihr BeateTrauma nannte. Und wo, wenn nicht in Amerika, könnte man den bedenkenlosen Vornamengebrauch lernen! Aber es ging ja, bitte, nur um La Mettrie, nicht wahr, Herr Krall! Und Herrn Zürn-Krall war es doch gelungen, sie zu öffnen. La Mettrie betreffend, war es ihm gelungen, sie zu öffnen! Wie La Mettrie in Deutschland ankam, nicht ankam ... Wie sie das nicht interessierte! Wie sie allein interessierte, wie La Mettrie bei ihr ankam! Und alle schreiben sie nur darüber, wie andere ihn verstanden oder nicht verstanden haben. Sie war eben keine Historikerin, wahrscheinlich überhaupt keine Wissenschaftlerin.
Ceux que la Nature aura favorises, schaut man lieber an als die, die zu kurz gekommen sind. Er hatte ihr auf seiner Terrasse das Gefühl gegeben, sie sei gar nicht zu kurz gekommen. Die Briefe an den Mann mit zwei Namen trug sie, bevor sie sie einwerfen konnte, tagelang mit sich herum. Jedesmal mußte sie sich mit Martini Extra Dry eine Art Bedenkenlosigkeit antrinken. Er hat die Briefe beantwortet. Ganz ungeniert ließ er jeden seiner Briefe mit Liebe Beate beginnen. Und das, obwohl sie sich gleich im ersten Brief einen krassen Vergleich abgerungen hatte, daß nämlich, ihren Vornamen serviert zu bekommen, für sie sei, als biete man ihr an einem heißen Tag ein Glas Eau de Cologne zum Trinken an. Würde er sie weiterhin so wenig ernst nehmen, mußte dieses heftige Aufkeimen einer eher abenteuerlich anmutenden Beziehung im Gedankensand der Selbstbeherrschung erstickt werden. So!
Nachdem Madelon und sie im vergangenen Winter ihre Erfahrungen mit Vornamen ausgetauscht hatten, hatte Madelon im Sommersemester einen Kurs über Vornamen angeboten. Bei Charles Bernheimer stehe, sagte Madelon, strange first names were symptomatic of latent family degeneracy.
Ihr Beate-Trauma kam vom Gegenteil, kam von der furchtbaren Gewöhnlichkeit, die ihr aus diesem Vornamen entgegenschlug. Triefend vor Gutgemeintheit, das war für sie Beate. Ihm hatte sie das alles gleich im ersten Brief gestanden. Hatte mit ihrem Vornamensproblem begründet, daß sie auch seinen oder seine Vornamen nicht aufs Papier bringe. Und kokett hinzugefügt: Oder heißt es zu Papier bringe. Nach sieben Jahren Englisch begännen ihr die deutschen Präpositionen zu verschwimmen. Sie schlug vor, daß sie in Zukunft mit Julien oder Offray beginne, und schließe mit Juliette. Warum sollten sie einander mit Namen nennen, die andere ihnen verpaßt hatten? Warum konnten sie einander nicht etwas anderes sein als anderen? Das schrieb sie nicht, aber sie dachte es. Und ihr Denken wucherte so, daß sie in den Briefen streng darauf achten mußte, ihre Fortgeschrittenheit nicht auf seine Zurückgebliebenheit prallen zu lassen. Falls er wirklich zurückgeblieben war und nicht nur so tat, als ginge es um nichts als La Mettrie.
Cher Julien, cordialement Juliette. Sie sollten einander einfach taufen! So übermütig gab sie sich dann doch. Und er? Er habe, was in ihrem Vornamen zu singen sei, zur Melodie gemacht: b-e-a-d-e. Für den t-d-Austausch bitte er um Verzeihung. Diese Töne seien inzwischen mächtig geworden in ihm. Und fuhr fort, Briefe mit Beate zu eröffnen und mit Gottlieb Zürn zu schließen. Also fuhr sie fort, in Anrede und Schlußgruß namenlos zu bleiben. Jetzt wollen wir doch einmal sehen, wer nachgibt. Oder sollte sie hoffen, Gottlieb Zürn könne sie, so wie er sie auf seiner Terrasse einen Augenblick lang in ihrem Körper hatte heimisch werden lassen, auch noch mit Beate versöhnen? Als Vierzehnjährige hatte sie ihrer zwölfjährigen Schwester Bettina einen Vornamenstausch angeboten, war aber von dem frühreifen Gör nur ausgelacht worden. Und jetzt einem Mann konfrontiert, der offenbar ein Vornamensvirtuose war! Rosa, Magda, Julia, Regina. Lauter Volltreffer. Oder wirkten die vier Töchternamen nur so geglückt, weil der Kerl auf seiner Terrasse die Namen präsentierte, wie man im Zirkus prächtige Tiere, eins nach dem anderen, in der Arena auftreten läßt? (...) -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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