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Zunächst heißt es allerdings warten, denn nach einem nur zweistündigen Augenblick der Liebe kehrt Beate zurück in die USA zu ihrer Doktorarbeit. Zürn kämpft mit seinen Gefühlen, mit den Konventionen, die ihm "Altersgeilheit" unterstellen, und dem "Käfig, der Biographie heißt". Kann er der heillos harmonischen Ehe-Routine, dieser "wunderbaren Wüste gemeinsam erworbenen Schweigens", ein letztes Mal entfliehen?
Dominiert wird die erste Hälfte des Romans aber von Beates Ringen um akademische Anerkennung: "Dieses Murksen und Placken in der ersehnten sommerlichen Einsamkeit", Lesen, Lehren, Lieben -- "Springreiterei forever". Eine Tagung über den Aufklärer La Mettrie -- gemeinsames Forschungsthema von Zürn und Beate -- bietet Gelegenheit, die Liebesfantasien auf ihre Realitätstauglichkeit hin zu überprüfen. Walser wiederum kann hier politische und amouröse Motive überblenden: Wenn Zürn über "nichtsnutzige Schuldgefühle" referiert oder erkennt, dass "das kostbare Kindheitsgut Gewissen zur Rezeptur verkommen" ist, befinden wir uns mitten in den Vergangenheitsdebatten der jüngeren Zeit.
"Inzwischen wacht das Gedächtnis über das Gewissen. Ob das lebensfeindlich ist, ist dem Gedächtnis egal." La Mettrie wird -- auch wenn Walser das vorsorglich bestreitet -- zum Gewährsmann für einen vermeintlich unverkrampften Umgang mit der deutschen Geschichte. Zürn erscheint abwechselnd alterswild ("Schluss mit dem Gelobtwerdenwollen") und resignierend ("Menschenpfusch", "nicht gut aussehend, nicht reich, nicht einmal geistreich"). Was man dem Provokateur krumm nimmt, verzeiht man dem "Lebensidiot schlechthin", ohne ihn und sein Treiben immer zu verstehen.
Ein Buch mit zwei starken Hauptfiguren, die die Neigung zum Sentenzenhaften mehr als wett machen. Ein Roman über den (männlichen) Methusalem-Komplex im besonderen und über Männer und Frauen im allgemeinen: "Allein jeder, aber zusammen für immer." --Patrick Fischer -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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Geplagt von der räumlichen Trennung zu ihrem Wilhelm G. (so nennt Beate Gottlieb neuerdings), fädelt sie eine Reise zu einem wissenschaftlichen Kongress über den Philosophen La Mettrie (1709-1751) ein. Als Dienstreise und als deutscher La Mettrie Experte getarnt, folgt der Hobbyphilosoph der Einladung seiner Angebeteten und tritt die Reise in die Staaten an. Was kommt, wird vom Leser bereits erwartet: Eine Lovestory à la Hollywood. Viel Gefühl der beiden Protagonisten, verbunden mit körperlichen, sinnlichen und intellektuellen Zügen, die sich nicht immer in Einklang bringen lassen und den Leser emotional so richtig durchschütteln. Manchmal schwer zu erkennen, weist doch das ganze Buch kein einziges Satzzeichen auf, das eine direkte Rede einleitet. Zur Spitze treibt (schreibt) der 1927 in Wasserburg am Bodensee geborene Autor Martin Walser das ganze Spektakel erst durch das plötzliche Ausbleiben der sexuellen Kraft Gottliebs und der steigenden Angst, den Vortrag vor den Angehörigen der Universität von San Francisco zu vermasseln.
Vielleicht sind es autobiographische Züge, die Walser dazu bewegen, seine Romanfigur in ein derartig tiefes Loch fallen zu lassen? Spätestens als Gottlieb seine Stimme verliert und der Vortrag von seiner geliebten Beate gehalten werden muss, erlebt die Handlung ihre schon lang ersehnte Wendung: Zürn fühlt sich mit seinem Vortrag nicht richtig verstanden (der Walser-Kenner denkt hier an die Friedenspreisrede von 1998) und beschließt, die Rückreise nach Deutschland schon etwas früher anzutreten. Enttäuscht von Beate, lässt er sie fallen. Er erkennt, was er an seiner Frau Anna hat und freut sich umso mehr auf sie.
Der Autor teilt die Geschichte in vier Abschnitte, die der Leser sonst nur in klassischen Liebesdramen vorfindet: Kommen aber gehen (Erstes Date), Zusammenfinden (Kennen lernen und lieben lernen), Auseinanderkommen (Auseinanderleben), Kehre (Er- und Bekennen der Liebe). Für den einfachen Rezipienten eigentlich klar strukturiert, wären da nicht stellenweise Walsers Exkurse in die abstrakte Welt der Philosophie, die selbst einen Literaturkenner aussteigen lassen.
In „Der Augenblick der Liebe" wird, neben philosophischen und sexuellen Problemen, vor allem die Flucht aus dem Alltag hervorragend - wenn nicht immer gleich verständlich - geschildert. Droht das bürgerliche (Ehe)Leben monoton und langweilig zu werden, flüchtet mindestens ein Partner und versucht, sich meist mit erotischen Abenteuern, Abwechslung und Selbstbestätigung zu holen. Zumindest bleibt die geistige, zwischenmenschliche Beziehung aufrecht. So ganz nach der Philosophie La Mettries...
Beate Gutbrod schreibt gerade an ihrer Dissertation über „La Mettries aufhaltsames Bekanntwerden in Deutschland". Da Gottlieb Zürn unter dem Pseudonym Wendelin Krall zwei Aufsätze („Vor Rousseau war La Mettrie" und „Alles eins") zu La Mettrie veröffentlicht hat, sucht sie ihn auf, in der Hoffnung mehr über den Philosophen zu erfahren. Nach zwei Stunden ist ihr Gespräch beendet und sie kehrt nach Amerika zurück. Sowohl Gottlieb als auch Beate sind voneinander angetan und es folgen endlose Telefonate und ein Briefwechsel, der sich nur auf Beates Träume bezieht. Walser illustriert Gottlieb und Beate als Freud und Dora.
Dieser Verweis auf die Traumanalyse Freuds verdeutlicht unter anderem die Kompetenz von Martin Walser auf dem Gebiet der Philosophie. Sein Wissen kommt nicht von ungefähr, denn Walser hat neben Literatur und Geschichte auch Philosophie studiert. Der Text „Entsprechen ist alles", den Gottlieb Zürn an Beates Universität beim internationalen La Mettrie-Kongress vortragen soll, beweist, dass Martin Walser in seinem Herzen auch ein wahrer Philosoph ist.
Gottlieb Zürn wird also von Beate nach Amerika eingeladen, wo beide ihrer Lust freien Lauf lassen. Die „Kunst, Wolllust zu empfinden", so der Titel eines Werks von La Mettrie, bleibt Gottlieb aber verwehrt. Unter Wolllust verstand La Mettrie eine wahrhaftige Ekstase, die nur der Wolllüstige, aber nicht der Wüstling erleben kann. Der Wolllüstige ist seelisch unversehrt und somit auch befriedigbar. Ein Wüstling hingegen hat die repressive Moral der Gesellschaft verinnerlicht und verletzt zwanghaft ihre Regeln. Gottlieb tat dies, indem er mit Beate schlief. Aufgrund seines Über-Ichs (Gewissen; Gebote und Verbote der Gesellschaft) soll er seiner Frau treu sein, aber er handelt absichtlich nicht danach. Dass ihn Schuldgefühle plagen, wird daraus ersichtlich, weil er nach jeweils vollzogenem Geschlechtsverkehr von seinen vier Töchtern zu erzählen anfängt. Als auch sein Vortrag zum Fiasko wird, verlegt er seinen Flug nach vor und verlässt Amerika am nächsten Tag. „Der Augenblick der Liebe" hat sein jähes Ende gefunden.
Diese Ehebruchsgeschichte erinnert in der Personenkonstellation und Thematik sehr an den Roman „Bleibtreu"(2003) von Martina Zöllner. Der einzige Unterschied ist die Perspektive, aus der erzählt wird. Während Walser die Geschichte aus der Sicht des alten Ehemannes schildert, ist es bei Martina Zöllner die junge Geliebte, die berichtet. Ob diese Ähnlichkeit auf Absicht beruht, ist unklar.
Martin Walser, 1927 in Wasserburg /Bodensee geboren, greift ein altbewährtes Thema auf und versucht es vor dem Hintergrund der Philosophie neu zu präsentieren. Die Idee an sich ist gut, nur werden ihr nicht alle Leser folgen können, da es nicht möglich ist, ohne ein philosophisches Vorwissen alle Gedankenstränge nachzuvollziehen.
Walser hat sich eingehend mit Julien Offray de La Mettrie, radikaler Materialist und Atheist, beschäftigt und hebt in „Der Augenblick der Liebe" seine Theorie der Schuldgefühle (théorie des remords) aus seinem Hauptwerk „Discours sur le bonheur" hervor.
„Jeder Versuch dich frei zu fühlen oder gar zu benehmen, mündete bis jetzt im Schuldgefühl. Das angeborene oder anerzogene Gewissen. Ob angeboren oder anerzogen, es ist die mächtigste, wachsamste, unerbittlichste, unbetrügbarste Regung, deren du fähig bist. Die Gegenwelt, deren Gefangener du von Anfang an bist, ist das Gute. [...] Du kannst den Mund nicht aufmachen gegen das Gute, ohne dir schlecht vorzukommen."
Der Roman lässt auch eine Doppelbödigkeit durchblicken, die nicht gleich jedem Leser auffallen wird. Die Theorie der Schuldgefühle bezieht sich nicht nur auf die Hauptfigur, sondern auch auf die Frage nach der deutschen Schuld (Zweiter Weltkrieg). Martin Walser hat selber am Zweiten Weltkrieg teilgenommen und verarbeitet dieses Erlebnis in seinen Werken. Er war auch Mitglied der Gruppe 47, mit der er sich für ein neues, demokratisches Deutschland einsetzte.
In „der Augenblick der Liebe" gibt Martin Walser viel Persönliches von sich preis:
Gottlieb Zürn ist mit ihm gealtert. Er hält den Vortrag über La Mettrie an der University of California, Berkeley, wo Walser Gastdozent war. Weiters spiegeln sich seine sprachlichen Kenntnisse im Roman wider. Hauptsächlich schrieb Walser auf Deutsch, aber auch englische und französische Stellen sind zu finden. Dadurch wird das Werk sehr authentisch. La Mettrie war Franzose und Beate Gutbrod ist Wahlamerikanerin. Für Leser, die weder Englisch noch Französisch können, gehen daher bestimmte Pointen unter. Aber Walsers Sprachgewandtheit und Sprachkreativität machen das wett. „Eine Sprache ist ja zuerst eine Melodie und erst dann ein System aus Grammatik und Wortbedeutungen". Martin Walser hat eindeutig das Talent zum Komponisten.
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