Walser, Martin, Der Augenblick der Liebe, 2004
Aus meiner Sicht ein Flop.
Aufhänger für diesen Roman ist La Mettrie, materialistischer Philosoph der Aufklärung, der jeglichen ideellen, transzendenten Überbau zugunsten der unmittelbaren, körperlichen, konkreten Erfahrung ablehnte. Entsprechend hedonistisch, entsprechend abgelehnt von Männern wie Lessing und Diderot. Umso mehr aber geschätzt vom Protagonisten Wendelin Krall/Gottlieb Zürn, über 60, verheiratet mit Anna, 4 Töchter (wie der wirkliche Walser). Wendelin/Gottlieb hat unter diesen Pseudonymen in seiner Vergangenheit 2 Aufsätze über La Mettrie veröffentlicht, Beate, eine Doktorandin aus North Carolina, sucht ihn deswegen in seinem Heim am Bodensee auf, um ihm dazu nach so vielen Jahren einige Fragen zu stellen, die für ihre Dissertation relevant sind. Diese kurze Begegnung genügt, um die beiden per Brief und Telefon so füreinander zu entzünden, dass sie es kaum erwarten können, sich zu treffen und übereinander herzufallen. Der Zeitpunkt dafür ist eine Konferenz über La Mettrie in San Francisco, zu der Wendelin noch einmal einen Aufsatz schreiben muss, der dann im Roman abgedruckt ist - so bekommt der Leser auch einen Eindruck von dessen Philosophie, die sich die beiden Protagonisten längst zueigen gemacht haben. Im 2.Teil des Romans wird die tatsächliche Begegnung des ungleichen Paars in den USA beschrieben. Wendelin ist nach einigen heftigen Sexszenen mit Beate bereits reif für die Heimat: Er denkt zunehmend an Anna und seine Familie, so dass er zweimal den Termin für den Rückflug vorverlegt und wieder verschwindet, eine bestürzte Beate zurücklassend, die ihn am liebsten geheiratet hätte. 3.Teil: Kehre: Dieser Teil schildert zunächst Wendelins Rückkehr zu Anna: Er erobert sie neu mit einem ganz neuen Feuer, aber schon nach kurzer Zeit geraten beide wieder in alte Routine zurück, sodass Wendelin schon bald wieder anfängt, sich nach Beate zu sehnen, bis er sie erneut anruft, aber nicht mehr erreicht. Er wird benachrichtigt, dass sie einen Kommilitonen geheiratet hat. Zurück bleibt ein ungetrösteter, trostloser Wendelin, der am Altwerden verzweifelt.
Die Protagonisten wollen La Mettries Philosophie leben, aber die Ereignisse widersprechen dem dauernd: In Teil 1 ist die konkrete Erfahrung auf eine kurze Begegnung beschränkt, der Rest ist Überbau, Illusion, Fantasieentzündung. In 2 zeigt sich, dass Wendelin der konkreten Erfahrung nicht im Entferntesten standhalten kann. Ebensowenig kann er in Teil 3 seiner Beziehung zu Anna eine neue Qualität verleihen, jedes Mal hängt der Held in erster Linie seinen Fantasien und Sehnsüchten nach.
Was mich enttäuscht: Wendelin wertet die konkrete, körperliche Erfahrung auf, nur sie lässt er gelten, wendet sich damit gegen Konvention, Religion, Moral, Verantwortung. Aber es zeigt sich, dass er die Erfahrungen, die sein Körper macht, nicht auswertet: Er fragt sich nicht, warum er es bei Beate nicht aushält, nicht einmal spielt eine Rolle, was Anna von der ganzen Show hält, Wendelin untersucht auch nicht, warum er Anna nach seiner Rückkehr so euphorisch gegenübertritt (Schuldgefühle?), geschweige denn, dass Anna misstrauisch wird. Es handelt sich also immer eher um Wunschprojektionen des Protagonisten als um den Versuch einer objektiven Darstellung, diese Projektionen werden indes auf bekannt virtuose Art und Weise verbalisiert.. Sicher, Literatur kann das und darf das, aber sie ist deswegen nicht überzeugend. Immer geht es für den Helden nur um sich selbst, um seine Lust. Insofern wirkt er reichlich pubertär und narzisstisch. Dies hat auch Auswirkungen auf die Darstellung: Wenn der Erzähler im ersten Teil aus Beates Sicht schreibt, so hören wir doch immer nur Wendelin/Walser. Walser agiert möglicherweise seine Altersängste und sexuellen Fantasien aus und schwimmt somit auf dem breiten Strom der Zeit. Die Komplexität und Tiefe, die sich für den kritischen Leser auftut, muss von diesem selbst ausgelotet werden, im dialektischen Prozess gewissermaßen, aber es ist überhaupt nicht sicher, dass Walser dies beabsichtigt. Eher lässt sich vermuten, dass er sich nur distanzlos selbst mit dieser Figur identifiziert hat, er macht sich ja kaum noch Mühe, die autobiografischen Bezüge zu verschleiern.