Der Leiter der Stiftung Wissenschaft und Politik, Volker Perthes, hat hier ein Buch vorgelegt, welches in einfachen, klaren Zusammenhängen und einer verständlichen Sprache analysiert, was zum Umbruch geführt hat und wie stark die Wirkung auf Dauer sein könnte. Die Arabische Welt ist von starken Gegensätzen geprägt: 40 Prozent der Araber leben unter der Armutsgrenze oder gerade darüber.(S.16) "Es gibt in der gesamten arabischen Welt keine 'konsolidierte liberale' Demokratie" (S.16-17) und "die Hauptentscheidungsträger und Herrschaftseliten ... sind faktisch kaum austauschbar", bzw. sind nicht abwählbar. Darum haben die arabischen Massen sie in Tunesien, Libyen und Ägypten auch abgesetzt. In diesen Staaten herrschten häufig auch korrupte, nepotistisch-agierende Herrscher, der sich familiäre Beziehungen und Stammesverbindungen bedienten, um ihre Macht zu sichern. In Libyen waren alle wichtigen Positionen im Sicherheitsapparat mit Familienmitglieder des Gaddafi-Clans besetzt, in Tunesien dominierte der Trabulsi-Clan der Ben Ali-Ehefrau das gesamte wirtschaftliche Leben und in Ägypten baute Mubarak seinen Sohn Gamal zum Nachfolger auf, ohne Rücksicht auf die Staatspartei, die Armee oder die Öffentlichkeit zu nehmen.
Auf die Demokratiebewegung reagierten die arabischen Staaten zum einen mit Unterdrückung, Gewalt und Sicherheitskräften, zum anderen beschuldigten sie das anonyme Ausland, es sei eine Verschwörung gegen sie in Gange und zum anderen lösten sie bestehende Regierungen auf, setzten Gouvernöre ab oder kündigten Einmahlzahlungen an Mitarbeiter des Öffentlichen Dienstes an. Einen tatsächlichen Dialog mit den meisten jungen Demonstranten nahm kein einziger Regent oder Herrscher auf. Bis auf den heutigen Tag umgibt arabische Herrscher eine sankrosante Schicht der Nicht-Rechenschaft. Dazu kommenn Öl- und Gasrenten: "(sie) geben den Regimen eine Art Unabhängigkeit von ihren Bürgern: Sie brauchen sie nicht besteuern, können sie vielmehr subventionieren und ihnen damit den politischen Schneid abkaufen." (S.19) Doch diese Renten sinken, wenn man sie Pro-Kopf umrechnet und dadurch verringert sich auch die Patronage-Möglichkeit für die Herrscher. Selbst im Öl-reichen Libyen (3 Prozent der Weltreserven) mangelte es an Jobs und bezahlbaren Wohnraum. In Saudi Arabien sitzen Tausende Arbeitskräfte jahrelang zuhause rum und wissen nicht, wie und wo sie arbeiten können.
Ganz im Kontrast dazu hat die junge Generation eine große Mehrheit in der Bevölkerung und sie beherrscht die neuen Technologien und Medien. Ein Faktor, den die trägen Sicherheitsdienste dieser Staaten nicht rechtzeitig begriffen, denn über Facebook und Email-Verkehr konnten sich überhaupt erst größere Mengen vernetzen und versammeln, konnte die Macht von Mubarak und Ben Ali aufgelöst werden. Im Detail zeichnet Perthes auch große Unterschiede nach: In Tunesien ist die Gesellschaft eher modern, weiter entwickelt als in anderen Staaten der Region. Hier weigerte sich die kleine, aber professionelle Armee auf Demonstranten zu schießen und sorgte so für die Flucht Ben Alis. In Ägypten weitete sich der Protest so schnell unter den Augen der Öffentlichkeit aus, dass Mubarak selbst mit einer 15-Prozentgehaltserhöhung für Beamte kein Glück mehr hatte: Auch ihm folgte die Armee nicht (mehr), obgleich es eine handverlesene Prätorianergarde war, die direkt in Kairo stationiert war (und ist).
"Der Umbruch ist revolutionär, er hat die gesamte Region erfasst. Aber er ist noch unabgeschloßen, er wird schwieriger werden als die Systemwende in den Staaten des Ostblocks..." (S.8), schreibt Perthes. Dieses Buch nimmt viele Fäden und Zusammenhänge seines Buchs "Geheime Gärten" auf und entwickelt sie weiter. Es ist für meine Begriffe exzellent in der Kürze, der Einfachheit seiner Argumente und Informationen; ein Buch, das für Studenten, Abiturienten und selbst für manchen Fachmann gut geeignet ist. Lediglich Literatur und Anmerkungen sind ein wenig zu kurz gekommen, aber das lässt sich bei einem aktuellen Buch wohl auch nicht umgehen.