In seinem neuesten Buch beschäftigt Sozialwissenschaftler und Anthropologe Jonathan Hughes sich mit Justizirrtümern, vor allem solchen, bei denen zugunsten einer schnellen Aufklärung auf Berücksichtigung aller Fakten und Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen verzichtet wurde. Howard Stamp ist so ein Fall. Der schüchterne Sprachbehinderte wurde 1970 für den Mord an seiner Großmutter verurteilt, in einem Prozess, der auf aus heutiger Sicht fragwürdigen Indizien beruhte. Howard brachte sich nach kurzer Zeit im Gefängnis um, weswegen sein Fall nie wieder aufgerollt wurde. Jetzt untersucht Dr. Hughes den Fall und trifft dabei auf George Gardener, die in derselben Straße wohnt wie einst Howards Großmutter und schon lange eigene Recherchen durchführt. Das erste Treffen der beiden endet in einem Fiasko und die Zusammenarbeit scheint beendet, bevor sie eigentlich begonnen hat, doch dann geschieht etwas, was ein neues Licht auf die Untersuchungen wirft, und die beiden wieder an einen Tisch bringt.
Wie immer in Minette Walters' Büchern sind es die Charaktere, die das Lesen zum Genuss machen. George und Jonathan, zwei Personen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, müssen sich zusammen raufen, und darüber zu lesen, war höchst unterhaltsam. Wie die Autorin es immer wieder schafft, diese komplexen, teilweise unbequemen und dennoch faszinierenden Charaktere zu entwickeln, ist bemerkenswert. Aber auch die Geschichte überzeugt in "Der Außenseiter". Aus verschiedenen Blickwinkeln gesehen wird auf die Zeit des Mordes zurückgeblickt, wobei jeder versucht, sich in ein gutes Licht zu stellen und die Schuld anderen zuzuschieben. In diesem Gerüst aus Lügen und Halbwahrheiten versuchen George und Jonathan die Wahrheit zu erkennen und müssen dabei ein ums andere Mal ihre Ansichten revidieren. Das Ende erschien mir dann allerdings etwas hastig abgewickelt und nicht hundertprozentig überzeugend. Minette Walters' Bücher enden häufig so, dass man noch lange über sie nachdenken und sich seine eigene Meinung bilden muss, diesmal schienen mir dann aber doch zu viele Fragen offen zu bleiben.
Dennoch ist "Der Außenseiter" wieder ein gut gelungener psychologischer Krimi, der soziale Probleme wie häusliche Gewalt und Rassismus aufgreift und schonungslos untersucht.