Schon im Titel zwei Fehler: es gibt keinen Atheismus-Wahn und keinen atheistischen Fundamentalismus.
Ein Wahn erklärt eine unbeweisbare Sache zu einer absoluten Wahrheit. Diese wird wider bessere Argumente verbissen verteidigt. So gesehen stimmt der Titel von Dawkins Buch "Der Gotteswahn" - und Religiösen Wahn gibt es definitiv.
McGraths Buch müsste aber "Die Atheismus-Überzeugung" heißen. Eine Überzeugung ist zwar auch der feste Glaube an einen Sachverhalt, dieser ist aber nicht absolut und unverrückbar, sondern durch gute Argumente und Beweise veränderbar.
Der allgemeine Begriff "Fundamentalismus" leitet sich aus dem christlichen Fundamentalismus her und verlangt nach einem nicht hinterfragbaren Fundament (z.B. die Unfehlbarkeit der Hl. Schrift).
So eine Basis hat und braucht der Atheismus nicht, weshalt der Begriff "Atheistischer Fundamentalismus" ein Widerspruch in sich selbst ist.
Wenn ich NICHT an die Existenz einer um die Sonne kreisenden Teekanne (© Dawkins) glaube, bin ich deswegen kein Fundamentalist.
McGrath gelingt es nicht, durch oftmaliges Wiederholen dieser Fehler der Wahrheit näherzukommen.
"Der Atheismus-Wahn" ist kein Buch, das durch inhaltliche Brillianz, logisches Denken oder zwingende Beweisführung auffällt. Der Stil erinnert an den unsäglichen "Jan van Helsing".
Vielmehr ist es eine Sammlung von Beleidigungen und persönlichen Angriffen gegen Dawkins, von Pseudowissenschaftlichkeit, von schuldig gebliebenen Beweisen, von Larmoyanz, Unaufrichtigkeit, Scheinheiligkeit und Heuchelei.
Beispiele?
Auf S. 13 beklagt McGrath den Mißbrauch der Naturwissenschaften zur Untermauerung von atheistischem Fundamentalismus. Ohne Beispiel oder Beweis.
Er kritisiert auf S. 19, dass Dawkins keine Definition von Wahn bringt - zitiert dann aber doch die von Dawkins vorgeschlagenen (und somit vorhandenen) Definitionen - bleibt aber eigene schuldig.
Die Geschichte auf S. 20 mit dem Mann aus der Vorlesung ist unglaubwürdig, scheinheilig, heuchlerisch. Und somit ekelhaft.
McGrath unterstellt Dawkins auf S. 26, dass dieser auf "ein paar ausgesuchte Textfetzen des Reformators Martin Luther" "im Internet gestoßen ist". Auf S. 27 genauso: "Anekdoten anstelle von Beweisen, Surfen nach Zitaten im Internet anstelle eines strengen und sorgfältigen Umganges mit Primärquellen". McGrath stellt unbeweisbare Behauptungen auf und unterstellt Dawkins Unwissenschaftlichkeit, ist dann gönnerhaft (S. 30: "... ein völlig verständlicher Fehler, der jedem passieren könnte, der neu ist auf dem Gebiet."). Das ist Scheinheiligkeit mit persönlichem Untergriff.
McGrath kommt Dawkins' Argumenten nicht einmal annähernd bei und versucht nun die persönliche Diffamierung (auch S. 31: "Pastiche", S. 32: "... schnoddrige und simplifizierenden Argumentation ..."; unterlegter Kasten S. 24).
Dawkins habe auch "ein ziemlich begrenztes Verständnis von Gewalt" (71), der "Gotteswahn" beruht "auf ausrangierten Annahmen des 19.Jahrhunderts" (75) - alles ohne Erkläung, Zitat, Beleg oder Beweis.
Man spürt förmlich, wie dünn der Strohhalm ist, an den McGrath sich klammern muss.
Ein weiteres Manko ist, dass McGrath eine Auseinandersetzung mit dem Begriff "Atheismus" unterläßt und dabei (absichtlich?) übersieht, dass Atheismus keine "Bewegung", keine Lehre, keine Wahrheit oder Weltanschauung (71) ist.
Eine bewußte Falschaussage findet sich z.B. auf S. 39: "Der Gotteswahn" geht von einer grundsätzlichen Überzeugung aus: Die (Natur-)Wissenschaft hat Gottes Existenz widerlegt."
McGrath unterstellt Dawkins persönliche Motive, Emotionalität (s. 40: "... empört Dawkins""; "Dieselbe Ansicht findet sich zu Dawins Verärgerung ..."), womit Dawkins' Unsachlichkeit und Unwissenschaftlichkeit bewiesen werden soll.
Fiese Unterstellungen auf S. 43, verbunden mit Scheinheiligkeit (gehört sich ja für einen guten Christen):
Dawkins neige "leider" dazu, "wie ich mit Bedauern einräumen (!) muss, jeden, der hinsichtlich des Gültigkeitsbereiches der Naturwissenschaften Fragen aufwirft, als einen naturwissenschaftshassenden Idioten darzustellen." (43); oder: S. 57 f: "... gleichermaßen beleidigend werden religiöse Menschen mit Hitler verglichen". Wenn das nicht ekelhaft ist!?
Hitler war kein "bekennender Atheist" (S. 54) wie McGrath meint, sondern ein (Tauf-schein-) Katholik! Falschaussagen, Beleidigungen, Scheinheiligkeit, wohin das Auge reicht!
Er bekrittelt, dass Dawkins nicht unterscheide zwischen Religion und "Glaube an Gott" (67), für Dawkins wären dies "nur die zwei Seiten einer Medaille" (78). Selbst bleibt er aber diese höchst interessante Unterscheidung schuldig. Dieses "unangemessene Vorgehen" von Dawkins "blendet die Frage, wie seine These zu den nichttheistischen Religionen passen soll, nahezu völlig aus" (78). Ich habe eine Vorstellung von einer "nichttheistischen Religion". Aber welche hat McGrath? Hier wäre eine Definition mehr als angebracht.
So geht es durch, "Gott" seis gedankt, nur 126 Seiten lang: fehlende Beweise (auch: S. 113, 117), immer wieder Beleidigungen, immer wieder die falsche Aussage, Atheismus sei doktrinär (125).
Von der guten Idee einer offenen, hochstehenden Diskussion über Religion und Atheismus, einmal aus der Sicht eines Gläubigen ist leider nichts geblieben.