Der Autor ist ein Historiker, der viele beachtliche Buchveröffentlichungen vorzuweisen hat, die sich mit dem Themenkomplex der islamischen Welt und dem nahen Osten befassen. Wer Huntingtons "Clash of Civilization" kennt, sollte dieses Buch auch gelesen haben.
Es ist eine übersichtliche Zusammenfassung aller Argumente, die man zur Krise des Islam anführen muss, wobei der Islam als islamischer Kulturraum zu verstehen ist, nicht als Religion. Das erklärt der Autor als erstes.
Er zeigt auf, warum die Muslime misstrauisch gegenüber dem Westen sind. An dieser Stelle sei einmal vermerkt, dass das amerikanische Lesepublikum nicht wie das deutsche durch sachliche mediale Berichterstattung verwöhnt ist. Vieles, was der Autor schreibt hat man hierzulande schon in vielen Variationen vernommen.
In den Augen vieler Muslime, so Lewis, tritt der Westler entweder als Kreuzzügler oder Imperialist auf. Der Autor glaubt nicht, dass die Muslime eine sehr von der Wirklichkeit geprägte Anschauung haben. Die Kreuzzüge seien schließlich zeitlich begrenzt gewesen und kein Christ würde sie heute noch für gut befinden oder sie gar fortsetzen wollen. Ganz anders ist der Jihad eine fortwährend aktualisierte und zu aktualisierende Forderung, solange bis aus dem Haus des Krieges ein Haus des Friedens geworden ist, bis quasi alle Menschen im Herrschaftsbereich des Islam sind. Muslime scheinen Schwierigkeiten mit solchen Differenzierungen zu haben. Warum ist das so?
Hauptverantwortlich für das Minderwertigkeitsempfinden und Ursache für die Gereiztheit gegenüber westlichen Annäherungsversuchen sei die fortwährende Demütigung der Völker in den vergleichsweise unterentwickelten Ländern der islamischen Welt, die irgendwie einen Fehlschlag der islamischen Staatswesen zu Modernisierungen verzeichnen müssen. Wenn schon der Islam keine "moderne" Religion sein kann, weil er immer gleichbleibend "wahr" ist und nicht verbesserungsbedürftig; wenn er außerdem mehr als nur ein Glaubensbekenntnis darstellt, weil er alle Bereiche des Lebens betrifft, wie soll man sich dann für das Moderne aufgeschlossen zeigen?
Die islamischen Länder verschließen sich aber auch vielfältigen Bildungsmöglichkeiten, die im Westen selbstverständlich sind und eine lange Tradition haben. Die Arabische Welt übersetzte 330 Bücher jährlich, ein Fünftel dessen was in Griechenland übersetzt wird! Seit der Zeit der Kalifen wurden etwa genau so viele Bücher übersetzt wie in Spanien in einem einzigen Jahr. Klar, was kann einem schon die Welt der Ungläubigen sagen? Schlimmer aber, wie will die Masse der Muslime den Westen überhaupt verstehen, wenn er nichts über ihn erfährt als Verdrehungen? Dazu passt, dass der Holocaust in den arabischen Medien nicht vorkommt. Manchmal gewinnt man den Eindruck, das Credo sei: den Holocaust hat es nicht gegeben, wenn aber doch, dann war er eine gute Sache. Das habe ich selber einmal so vernommen.
Lewis sieht nicht wie Huntington ganz schwarz einen "Clash of civilizations". Er möchte sich lieber der Sichtweise der
westlichen Politiker anschließen, wonach wir uns allenfalls in einem Krieg mit dem islamistischen Terrorismus befinden. So lautet die Sprachregelung. Aber Osama ist nicht der einzige, der von einem religiösen Krieg spricht. Wer den Islam wörtlich nimmt, muss Osama recht geben.
Doch dieser und eine erhebliche Mehrheit der Muslime, so Lewis, sehen in dem Vorgehen der westlichen Allianzen einen Angriff auf Gott selbst. Wie kann es so eine Basis für ein Miteinander geben? Der Autor vertritt die Meinung, dass sich der Westen gegen die radikalen Muslime zur Wehr setzen müsse, aber dazu müsse man unbedingt die Gründe und Ursachen für die Aggression erkennen. Offenbar, sagte der Autor, muss der Westen sich verteidigen durch jedewedes taugliche Mittel. Aber dabei wäre es nützlich die Kräfte zu verstehen, die den islamistischen Terrorismus antrieben.
Das grundsätzliche Problem des Islam ist, dass er sich nicht nur für die einzig wahre Religion hält, sondern dass Islam auch Politik und Staat und Lebensgemeinschaft regelt und in diesen Bereichen dem Anschein nach stark rückständig ist. So sieht es der Autor, so sehen es viele Islamkritiker. Islam ist alles, Religion und Welt kann man nicht trennen. Im Westen hat man gelernt Religion und Weltliches zu trennen. Damit begann in Europa der Aufschwung der Wissenschaften. Religion darf Privatsache sein, die niemand stört. Nicht so im Islam. Im Islam beherrscht die religiöse Vorstellung alles andere.
Da der Islam einen Alleinseligmachungs-Anspruch hat, fragt sich jeder Muslim, wo die heilsame Wirkung denn bleibt. Das fördert die Frustration und Aggression gegen alles westliche, das erfolgreich ist, obwohl doch vom Satan. Und es begünstigt abstruse Verschwörungstheorien. Da der Islam die wahre Religion ist, kann der Grund, warum er nicht zur Geltung kommt, nur den bösen Machenschaften des Satans und seiner Helfer geschuldet sein. Und so kam als weitere Komponente der Ablehnung des Westens auch noch Verachtung, denn die Moral des Westens zeigt deutliche Verfallserscheinungen. Der Islam, so Lewis, beherrschte die Ungläubigen und machte sie zu Sklaven, nun wird umgekehrt der Islam beherrscht von Ungläubigen. Unglücklicherweise heißt der Koran Gewalt gegen die Ungläubigen auch noch für gut. Und damit spätestens beginnen die Probleme des Westens mit den Gewalttätigen des Islam und ihren Befürwortern.
Islam, sagt Lewis, ist nicht nur eine Angelegenheit von Glauben und Glaubenspraxis, es ist auch Indentifikation und Loyalität - für so viele, eine Identifikation und eine Loyalität die alles andere übersteigt! Und deshalb kann auch sein, dass sonst harmlose Muslime auf den Straßen tanzen, wenn in New York ein Gebäude in die Luft gesprengt wird.
Der Autor spricht aber auch von neuer Zuversicht bei den Muslimen und einem Gespür für Macht, bedingt durch den Ölreichtum im Nahen Osten. Die Muslime sehen, dass die moderne Welt im Umbruch ist, warum sollte der Islam, der sich nicht verändert hat und ein Element der Stetigkeit ist, nicht wieder stärker zum Zug kommen?
Der Autor hält eine friedliche Koexistenz des Westens mit den islamischen Völkern für möglich, denn "nirgendwo verlangen die Grundtexte des Islam Terrorismus und Mord". Texte, in denen zum Erschlagen der Ungläubigen aufgefordert wird, legt er also großzügig nicht als Aufruf zum Morden aus.
Interessant ist auch, dass der Autor darauf hinweist, dass die muslimischen Staaten gerne solche Mächte zu Verbündeten wählten, die nicht als Freund der Menschenrechte oder Demokratien bekannt wurden. Hitler-Deutschland und Stalins Sowjetunion, die Feinde des zivilisierten Westens! Aber letzten Endes dürfte es rein pragmatische Gründe dafür geben. Und wie sieht es mit den Menschenrechten und Demokratien im Islam aus? Der Islam kennt weder Menschenrechte noch Demokratie!
Darin sieht der Autor auch die unüberbrückbaren Unterschiede zum Westen: "Die ungeheuerlichsten Verletzungen der Bürgerrechte, politischer Freiheit, sogar menschlicher Anstand werden missachtet oder beschönigt, und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die in Europa und Amerika einen Sturm der Empörung entfachen würden, werden als normal und sogar akzeptabel angesehen." Und: "Regime, die solche Verstöße praktizieren werden nicht nur toleriert, sondern sogar erwählt für die Human Rights Commission of the United Nations, zu der solche Mitglieder gehören wie Saudi-Arabien, Syrien, Sudan und Libyen."
Wie sehen laut Autor die Muslime die Rolle Israels? "Tatsächlich dient Israel als eine nützliche Handhabe für Beschwerden über die ökonomischen Entbehrungen, unter denen die meisten Muslime zu leiden haben, und als Mittel den daraus resultierenden Zorn abzuleiten." das, meine ich, ist auch zu kurz gegriffen. Es gibt auch den rein religiös begründeten Hass. Warum sollte ein Anhänger Mohammeds nicht mit der gleichen Milde oder Strenge auf seinen jüdischen Nachbarn schauen als Mohammed selbst?
Der Autor vertritt nicht die Auffassung, dass die Amerikaner den Irak verlassen sollten, da sonst wieder rückständige Kräfte die Macht übernehmen. Die Opposition gegenüber dem Westen würde außerdem gestärkt, eine Opposition, die den Terrorismus als legales Mittel für den Jihad betrachtet. Demokratie sollte allmählich und behutsam im Nahen Osten eingeführt werden.
Man fragt sich nur wie das geschehen soll, wenn die Mehrheit der Muslime erkannt zu haben glaubt, dass der Islam und Demokratie nicht verträglich sind? Die west-freundlichen Regime in Afghanistan oder Irak haben kaum Rückhalt in der Bevölkerung. Das ist auch der Grund, warum sie die Protektion des Westens brauchen. Zieht der Westen ab, werden radikal-islamistische Kräfte bestätigt. Das Beispiel Türkei habe aber laut Lewis gezeigt, dass ein islamisches Land demokratisiert werden kann. Ist die Türkei wirklich demokratisiert?
"Wenn die Freiheit fällt und der Terrorismus triumphiert werden die Völker des Islam die ersten und größten Opfer sein."
Der Autor hat überwiegend ausgewogene Ansichten. Nur in manchem liegt er falsch, so wenn er z.B. behauptet, dass Judaismus, Christentum und Islam lediglich als Varianten der gleichen religiösen Tradition zu sehen sind.
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