Die Wiederbelebung der Astrologie in den letzten Jahrzehnten hat eine erhebliche Ausweitung der früher gebräuchlichen Horoskopfaktoren mit sich gebracht. Der Markt weitet sich aus, und man hat bisweilen den Eindruck, daß geschäftstüchtige Geister eine Fülle von "neuen" Faktoren und Berechnungsmethoden entdecken und erfinden, ohne daß aufrichtig nach dem letztendlichen Nutzen gefragt wird. Die Berücksichtigung von Aspekten wie Septil, Novil oder Decil, von Asteroiden oder von wiederentdeckten "sensitiven Punkten" täuscht aber eine genauere Differenzierung der Horoskopanalyse oft nur vor. Allzu häufig ersetzen die "Mode-Faktoren" einfach früher benutzte Einflußgrößen, so daß am Ende zuweilen weniger statt mehr herauskommt.
Renzo Baldini hat keinen neuen Faktor gefunden, sondern er sucht einen alten wiederzubeleben - den Vertex. Die Erläuterung der astronomischen Grundlagen - oft ein Stolperstein für die meist "geisteswissenschaftlich" orientierten Astrologen - gelingt ihm meisterhaft: Selbst ein mathematisch Unbegabter versteht nach Lesen des Anfangskapitels recht gut, was der Vertex ist und wie man ihn berechnet. Auch Baldinis Deutungsvorschläge klingen plausibel - man nimmt dem Autor ab, daß er sich ausgiebig sowohl auf theoretischer Ebene als auch anhand zahlreicher Horoskope mit dem Thema auseinandergesetzt hat.
Wenn trotzdem am Ende für mich mehr Fragezeichen als Antworten übrig bleiben, so liegt das zum einen daran, daß die angeblich "traditionelle Bedeutung" des Vertex als "Karmafaktor" in Partnerschaftshoroskopen überhaupt nicht beleuchtet wird. Und dabei taucht dieses Thema in den bekannten Werken zur Synastrie oder zu Compositen keineswegs auf - wo sollte man also darüber nachlesen? Literaturhinweise gibt es jedenfalls in Baldinis Buch keine. Zum anderen mag es ja durchaus stimmen, daß der Vertex zu psychischen Störungen in Beziehung gebracht werden kann, aber das klärt noch nicht die Frage, ob wir ihn zum Verständnis eines Geburtsbildes auch wirklich benötigen - schließlich verfügen wir ja bereits über eine Vielzahl von Faktoren, die auf psychische Probleme hinweisen (harte Aspekte zu Saturn und den äußeren Planeten beispielsweise). Auch diese Frage läßt Baldini weitgehend unbeantwortet. Hinzu kommt, daß viele Astro-Programme den Vertex nicht berechnen können. Warum also sollte man sich die Mühe machen, den Vertex und seine Aspekte "per Hand" zu ermitteln, wenn er keinen substantiellen zusätzlichen Erkenntnisgewinn liefert?