Nach einigen eher schwächeren Romanen zeigt John Grisham mit "Der Anwalt" wieder, was er tatsächlich drauf hat - nämlich überaus spannende und mit viel Insiderwissen gespickte Justizthriller.
In seinem neusten Thriller beschreibt Grisham, wie ein junger, angehender Anwalt Namens Kyle McAvoy von seiner Vergangenheit eingeholt wird und in einen wahren Alptraum reingerät.
Kyle McAvoy steht unmittelbar vor dem Ende seines Jurastudiums an der renommierten Fakultät Yale. Aufgrund seiner Qualitäten liegen ihm bereits mehrere lukrative Angebote von diversen Großkanzleien vor, doch in seiner idealistischen Einstellung will er zunächst seine Fähigkeiten im sozialen Bereich zur Verfügung stellen. Doch es kommt alles ganz anders, als unvermittelt Männer, die sich als FBI-Agenten identifizieren, ihm die Existenz eines Videos beweisen, auf dem vor ca. 5 Jahren eine Mitkomilitonin anscheinend vergewaltigt wird und das belegt, das Kyle dieser Vergewaltigung zumindest beigewohnt hat. Sie verlangen von Kyle, dass er sich von der größten Kanzlei des Landes "Scully & Pershing" anstellen lässt mit dem Ziel, Informationen über ein anhängiges Verfahren zweier Rüstungsgesellschaften zu besorgen, bei dem Scully & Pershing die eine Seite vetritt.
Schnell stellt sich aber für Kyle heraus, dass zum einen die vermeintlichen Erpresser gar nicht vom FBI sind und sie es zweitens überaus ernst meinen und Kyles Leben bedrohen, sollte er nicht mitspielen. Mit Hilfe seines Freundes Joey versucht nun Kyle aus diesem Teufelskreislauf einen Ausweg zu finden. Aber seine Gegner sind mächtig, wissen über jeden seiner Schritte bescheid und scheuen sich nicht, über Leichen zu gehen.
"Der Anwalt" erinnert in seiner Handlung, aber auch in seinem Schreibstil sehr stark an seinen Blockbuster "Die Firma". In beiden Romanen gerät ein unbedarfter, idealistischer Junganwalt in die Fänge höchst krimineller Kreise und versucht sich aus dieser gefährlichen Situation zu befreien. In beiden Romanen überzeugt Grisham durch seinen fesselnden und stringenten Schreibstil und durch sein umfangreiches Insiderwissen über das Geschäftsgebaren und die Arbeitsweise in amerikanischen Großkanzleien. Und genau dieser Mix machen seinen guten Romane zu dem, was sie sind: nämlich allerbeste Spannungsunterhaltung mit interessant skizzierten Personen und einem fesselnden Plot. "Der Anwalt" lässt sich locker und flockig runterlesen, baut von der ersten Seite an Spannung auf und steigert diese kontinuierlich bis zum Ende.
Allerdings zeigt "Der Anwalt" genau dort seine Schwächen, wo es auf dieses Ende zugeht. Drastisch formuliert ist der Roman ein exzellentes Vorspiel, bei dem der Höhepunkt vollkommen enttäuscht. Das Ende des Romans ist nämlich aus meiner Sicht sehr plötzlich und hinterlässt viele offene Fragen und einige offene Handlungsstränge. Grisham klärt weder das Motiv der Erpresser, noch deren Herkunft, noch wie es mit den Begleitern und Helfern sowie der Freundin und Arbeitskollegin Kyle McAvoys - für die im Roman sehr viel Zeit verwendet wird - weitergeht. Und für mich machen all diese offenen Punkte den ansonsten so gelungenen und fesselnden Thriller unvollständig und hinterlassen ein unbefriedigendes und enttäuschtes Gefühl.
So schwankte ich zwischen 3 und 4 Sternen, wobei ich einfach zugunsten der exzellenten Unterhaltung zum Höhepunkt hin entschieden habe und auch die Tatsache berücksichtige, dass "Der Anwalt" endlich mal wieder ein Highlight aus Grishams Feder ist.