Eines gleich vorweg: Dieses Buch ist lustig! Auch wenn es der Plot auf den ersten Blick nicht zuzulassen scheint.
Eines Morgens wacht der Antiquar Sebastian auf und sein linker Arm ist weg. Eine Erfahrung, die man seinem ärgsten Feind nicht gönnt. Doch Sebastian nimmt die Sache gelassen. Doch so phlegmatisch wie er jetzt rüberkommt, ist er nicht. Er sieht die Neuerung in seinem doch so geordneten Leben, doch scheint ihm die Tatsache, dass ihm 50 Prozent seiner oberen Extremitäten fehlen, nicht sonderlich zu stören.
Trotzdem geht er zum Arzt. Schließlich muss man ja was tun' Der Arzt kann ihm auch nicht so recht helfen. Was soll der auch tun? Da kommt ein Patient und behauptet, dass er, als er aufstand zwar mit dem linken Arm wegknickte, aber nach dem Duschen selbigen nicht mehr vorfand.
Sebastian geht wieder seiner Arbeit nach. Er hat noch einen Termin, er soll die Bibliothek von Blanca aufkaufen. Diese hatte ihm diese als Nachlass ihres verstorbenen Mannes Bastian angeboten.
Doch aus der Besichtigung wird erst einmal nichts. Es wird eher etwas aus den beiden. Nach einem unverfänglichen Gespräch zu Beginn des Termins wird schnell (für Sebastian offensichtlich nicht zu schnell) ein Schäferstündchen. Blanca erzählt dem mittlerweile verdutzten Sebastian von ihrem Nachbarn, einem Psychoanalytiker. Sie lauscht immer an der Wand, um die eigentlich vertraulichen Gespräche zu belauschen. Auch ihr Bruder ist dort in Behandlung.
Und jetzt bekommt die eingangs nur witzige Geschichte eine ernste Komponente. Denn Blanca ist nicht Blanca, sie ist Serafina. Oder doch nicht? Bastian war nicht ihr Ehemann, er ist ihr Bruder. Oder doch nicht? Und welche Rolle spielt die für Sebastian ebenfalls sehr attraktive Yasna. Ist sie wirklich Bastians Ex-Freundin? Oder sie sogar Serafina?
Die Autorin Silke Heimes ist Professorin für Kunsttherapie und kennt sich mit verschiedenen psychologischen Phänomenen sehr gut aus. Das merkt man dem Buch an. Ihre Ausflüge in die Psyche der Menschen sind tiefgründig, aber sie vermeidet es mit ihrem Wissen den Leser zu überfordern. Vielmehr spielt sie mit den Gedanken beim Lesen. Wer nur liest ohne zu lesen, der MUSS dieses Buch mehrmals in die Hand nehmen. Wer sich wissbegierig Zeile für Zeile durchforstet, der wird dem inneren Zwang nicht widerstehen können, es wieder und wieder zu lesen.
Und das das Buch auch nach dem fünften, sechsten Mal immer noch aussieht wie neu, ist dem qualitativ hochwertigen Einband zu verdanken: Stabil wie der Inhalt, unbeugsam wie sein Titelheld. 'Der Antiquar' von Silke Heimes ist ein Geheimtipp und mit knapp 140 Seiten ein Buch, das man ohne Mühe immer wieder gern zur Hand nehmen wird.