Ich bin keine Befürworterin antiautoritärer Erziehung, sondern bin der Meinung, Kinder brauchen Grenzen und Empathie. Dieses Bilderbuch von Friedrich Karl Waechter sehe ich auch nicht unbedingt als antiautoritär an, aber es setzt gegenüber dem auf Bestrafung aufgebauten Erziehungssystem des 19. Jahrhunderts einen Kontrapunkt.
Der "Struwwelpeter" von Heinrich Hoffmann erzählt von Kindern, die nicht brav sind, nicht auf die Eltern hören und denen daher allerlei Grausames widerfährt. Dass Warnungen in der Kindererziehung ihre Berechtigung haben, will ich gar nicht abstreiten. Dass Friedrich Karl Waechter im "Anit-Struwwelpeter" seine Umkehrschlüsse daraus zieht, finde ich größtenteils zum Schmunzeln, und keinesfalls ärgerlich.
Um die Anspielungen zu verstehen, sollte man allerdings den Original-Struwwelpeter schon kennen: die (gar traurige) Geschichte von Paulinchen (mit dem Feuerzeug) und den Mohrenbuben ist z.B. zusammengefasst. Die Geschichte vom Suppenkaspar endet damit, dass der Herr Vater zornig wird und versehentlich die Tischdecke mit Suppenschüssel herunterzieht. Am nettesten finde ich die Geschichte vom Schneider, der dem daumenlutschenden Konrad den Finger abschneiden soll, aber der Länge nach hinschlägt, als er seiner Pflicht nachgehen will. Die Kinder ziehen ihm kurzerhand die Hosen aus! (Strafe muss sein?) Konrad erinnert mich ein wenig an den "kleinen Nick".
Die Zeichnungen von Friedrich Karl Waechter sind sehr gut, farbenfroh und erinnern schon teilweise an das Original. Es gibt viele Anspielungen und Ähnlichkeiten. Der Text ist ziemlich winzig geraten. Woran wollte man hier sparen? Inhaltlich geht es darum, dass Kinder nicht nur folgen sollen, sondern ihre Stärken entwickeln. Nicht nur ducken vor den Erwachsenen, sondern sich auch etwas trauen ...
"Darum sei nicht fromm und brav
wie ein angepflocktes Schaf,
sondern wie die klugen Kinder
froh und frei. Das ist gesünder."
Ich halte dieses Buch ebenfalls für einen Klassiker unter den Bilderbüchern. Friedrich Karl Waechter wurde oft gefragt, ob das Buch für Kinder oder Erwachsene geschrieben ist, worauf er antwortete: "Ich schreibe und zeichne für alle, die mal fünf waren, noch Erinnerung daran haben und gern neunundneuzig werden wollen."