Zu allen Zeiten haben sich Menschen, haben sich Schriftsteller und Philosophen mit dem A"nfang von allem" beschäftigt. Sie sind der Frage nachgegangen, wie es dann dazu kam, dass die Welt so wurde, wie wir sie vorfinden, wenn wir, ungefragt, in sie hineingeboren werden.
Entstanden sind so in allen Kulturen mythologische Erzählungen von einem Urzustand oder Paradies, den die Menschen dann verlassen haben. Mit diesem "verlorenen Paradies" (Milton) haben sich dann unzählige Phantasien und Utopien beschäftigt, vor allen Dingen damit, wie es gelingen könnte, diesen Urzustand von Glück, den man am Anfang von allem vermutete, auf irgendeine Art wiederherzustellen. Letztlich ist der Paradiesgedanke der Ursprung aller politischen Utopien in der westlichen Welt. Aus den Tagebüchern und Reden Rudi Dutschkes beispielsweise wissen wir, dass er, selbst christlich-visionär geprägt durch die entsprechenden Traditionen der jüdisch-christlichen Überlieferung, immer wieder paradiesische Bilder benutzte , wenn er von der Gesellschaft der Zukunft sprach, insbesondere jenes vom Lamm, das seelenruhig beim Löwen liegen könne, ohne das ihm etwas geschehe.
Denn die prophetische Tradition der hebräischen Bibel, auf die sich immer wieder Visionäre und Revolutionäre berufen haben, geht davon aus, dass der göttliche Frieden sich nicht nur über die Menschen ausbreitet, sondern über die ganze Schöpfung.
Auch Jutta Richter, eine 1955 geborene und im Münsterland lebende Schriftstellerin hat sich in diesem Herbst mit einem kleinen, aber feinen Buch diesem Thema zugewandt. Warum nur, so lässt sie ihren Adam fragen, warum nur hat sich wegen einem Apfel alles so schlagartig geändert ?
"In dieser Nacht, als ich den Apfel aß, zerfiel ich in zwei Teile. Und nichts war, wie es vorher war." Mit diesen Worten lässt sie Adam die Folgen jener Missachtung von Gottes Gebot beschreiben. Ich habe lange nicht mehr eine so treffende und knappe Beschreibung dessen gelesen, was Entfremdung ist, jenes Abbrechen eines Teils der Identität und der Verlust des Glücks.
Jutta Richter beschreibt die Liebesgeschichte Gottes mit seiner Welt und seinen Menschen und die Liebesgeschichte dieser beiden Menschen, Mann und Frau. Und sie beschreibt, wie sie zerbricht, wie Adam seiner Frau einfach nicht verzeihen kann, das sie den Apfel aß und auch ihm davon gab. Sie beschreibt als Folge dieses Ungehorsams die Vertreibung aus dem Garten und den Beginn von Streit und Krieg auf der Welt.
Sie nimmt dabei durchgängig die Haltung Adams ein, seine Gefühle und Gedanken werden vor dem faszinierten Leser ausgebreitet. Und der Leser spürt mit jeder Seite mehr, dass diese Fragen Adams, dass dessen Sehnsucht nach dem , was er da verloren hat, seine eigenen Fragen formulieren und seine eigene Sehnsucht beschreiben.
Zwischendrin lässt Jutta Richter eine Katze ihre Beobachtungen mitteilen, mit der sich Adam austauscht über seine Gedanken und Gefühle. Damals, so soll man wohl den Eindruck gewinnen, war auch die Kommunikation zwischen Mensch und Tier noch vollkommen.
Ein schönes Buch voller Poesie, das handelt von einer Sehnsucht und einer Hoffnung, die einfach nicht auszurotten ist. Wer mehr davon lesen möchte, dem sei mal wieder die Lektüre der ersten 11 Kapitel der Genesis empfohlen und vor allen Dingen das Buch des Propheten Jesaja.