So empfand es Adam, als er Eva das erste Mal reden hörte. So empfinde ich es, wenn ich den Worten von Jutta Richter nachhöre. Die Urgeschichte von Adam und Eva, ihrer Vertreibung aus dem Paradies, von Schuld und Sühne, Liebe und Hass, so ist es gewesen, und so wird es immer sein. Das Buch - in einem Atemzug gelesen - verzaubert und erhellt zugleich. Es ist das Lied von der Erde. Die Sprache ist Musik. Ihr Rhythmus versetzt den Leser in Trance, und in diesem hypnotischen Zustand erkennt er die Tragweite der Erbschuld, die in Jahrtausenden nicht getilgt worden ist. Das Ostinato des unausweichlichen Schicksals, dieser Sog, der unaufhaltsam zum Abgrund, zum ersten Mord der überlieferten Geschichte führt, erzeugt noch heute ungläubiges Entsetzen, denn diese Geschichte bringt an den Tag, was die Bibel unterschlägt, warum dies alles geschehen musste: weil der Welt die Liebe abhanden gekommen war. "Weißt du, man kann die Liebe kennen, ohne Frau und Kind zu haben, sagte der Alte. Wenn du am Morgen aufwachst und voll Freude deinen Tag begrüßt, dann ist das Liebe. Wenn du am Mittag mit Genuss dein Brot isst und dein Wasser trinkst, dann ist das Liebe. Und wenn du abends in die Sterne schaust und dich an ihrem Glanz erfreust, bevor du schläfst, dann ist das Liebe. Wenn du jedoch dein Herz verschließt vor aller Schönheit dieser Welt, wenn du nicht innehalten kannst und nie zum Himmel schaust, dann wirst du diese Liebe bald verloren haben. Und deine Tage werden kalt und dunkel und deine Arbeit nur noch Last und Mühe". Das ist die Botschaft! Abel, steh auf...sagte Hilde Domin, denn in Worten und Gedanken ist die Geschichte umkehrbar. Oh wäre sie es doch! Und so ist der Anfang von allem auch das Ende von allem - bis ans Ende aller Tage.