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Gadamer deutet die frühen Philosophen
Eine hermeneutische Besinnung auf den Anfang der Philosophie unternimmt Hans-Georg Gadamer in den 1988 in Neapel gehaltenen, nun in deutscher Übersetzung vorliegenden Vorlesungen zur Vorsokratik. Zum Besonderen des («wirkungsgeschichtlichen») Ansatzes gehört die Distanz gegenüber einer teleologischen Geschichtskonstruktion ebenso wie zur historisch-philologischen Forschung. Den Anfang als Anfang verstehen heisst nach Gadamer einerseits, ihn in seiner Offenheit wahrnehmen, als Beginn einer Geschichte, deren Fortsetzung noch nicht nach der einen oder anderen Richtung festgelegt ist. Es heisst zum anderen, den Anfang im Wechselspiel mit dem Ende, von einem Späteren her verstehen, für welches er Anfang ist. Dieses Spätere ist weder Zielpunkt einer linearen Entwicklung noch das blosse Folgestadium eines identisch sich durchhaltenden Problems. Es ist ein späteres Denken, das sich vom Früheren ansprechen lässt und im Gespräch mit ihm sein eigenes Selbstverständnis gewinnt. Das Bindeglied zwischen Anfang und Ende ist das Gespräch als Dialog von Frage und Antwort: Den Anfang der Denkgeschichte interpretiert Gadamer von den Antworten her, die spätere Epochen auf Fragen geben, die sie im Anfang aufgeworfen sehen. Konkret heisst dies, dass Gadamer sich der vorsokratischen Philosophie nicht über die von H. Diels edierten Fragmente nähert, an denen sich die Philosophiegeschichtsschreibung meist orientiert. Sein Ausgangspunkt sind vielmehr die Texte Platons und Aristoteles', über die auch unser Gespräch mit den Autoren von Thales bis Demokrit immer schon vermittelt ist. Es geht darum, die Kluft zwischen Intention und begrifflichem Instrumentarium bei den ersten Denkern wahrzunehmen und ihr durch die eigene Begriffsarbeit zu begegnen, um so das in jenen Fragmenten Gemeinte zu sagen, um die Anfänge wirklich zur Sprache zu bringen. Diese Arbeit, die Platon und Aristoteles als erste traditionsprägend leisten, ist heute so unabgeschlossen wie je.
Emil Angehrn
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