Dieser Roman hat mich von der ersten bis zur letzten Seite in Atem gehalten, begeistert und bereichert. Er hat es nicht noetig, Blei in Gold zu verwandeln, sondern erscheint als purer Goldfund unter allerlei weniger glaenzenden Metallen.
Obwohl er mit seinem Genre "historischer Roman" nicht bricht, hat er mit handelsueblichen Produkten unter diesem Etikett wenig gemein. So bedient er sich weder einer kuenstlich altertuemelnden Sprache noch laesst er Personen des siebzehnten Jahrhunderts mit modernem Slang auftrumpfen. Stattdessen schafft er sich sein eigenes poetisches Feuerwerk, das der Epoche ebenso gerecht wird wie dem Leser "von heute".
Auch manch anderer Spagat gelingt dem Autor scheinbar muehelos: Er erzaehlt eine fesselnde Geschichte, die an keiner Stelle zur Fassade missionarischer Ambitionen verkommt. Alle Personen bersten vor Leben, das Erzaehltempo ist rasant, die Schauplaetze werden sicht- hoer- und riechbar, der Roman laed zum Verschlingen ein. Die historische Unterweisung des Lesers erfolgt unbemerkt. Ich habe mich an keiner Stelle belehrt gefuehlt und trotzdem Seite fuer Seite gelernt.
Der Roman wirkt gewissenhaft recherchiert und erhebt dennoch keinen Anspruch auf lueckenlose Authentizitaet. Das verleiht ihm - wiederum im Vergleich mit manch anderem Erzeugnis des Genres - eine aeusserst angenehme Glaubwuerdigkeit. Zudem erlaubt es ihm, in seiner Zeit zu bleiben und sich zugleich als "zeitlos" zu erweisen. Ich habe die unaufdringlichen literaturgeschichtlichen Anspielungen genossen und so manches erzaehlte Ereignis als "aktuell" empfunden.
Vor allem aber habe ich mich in der vielschichtigen Geschichte um den kaiserlichen Bastardensohn Don Julius verloren und hatte das Gefuehl, den "wahren Wahn der Epoche", die Alchimie, aus sinnlicher Naehe mitzuerleben. Andreas Goessling, dessen zwei Maya-Romane ich ebenfalls mit grosser Begeisterung gelesen habe, hat - meiner Ansicht nach - hier sein bisher bestes Buch vorgelegt. Den Alchimisten von Krumau werde ich guten Gewissens auch Freunden empfehlen, die vorgeblich keine historischen Romane moegen...