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Der brasilianische Geschichtenerzähler Paulo Coelho macht uns mit Santiago bekannt, einem andalusischen Hirtenjungen, der eines Nachts von einem fernen Schatz in den ägyptischen Pyramiden träumt. Und so macht sich Santiago auf den Weg: er verläßt Spanien, um buchstäblich seinem Traum zu folgen.
Unterwegs trifft er auf viele spirituelle Boten, die in bescheidenen Formen auftreten -- zum Beispiel als Kameltreiber oder als belesener Engländer. In einem der Bücher des Engländers erfährt Santiago zum ersten Mal von den Alchimisten -- Männern, die glaubten, daß, wenn man ein Metall jahrelang erhitzt, es sich von all seinen individuellen Eigenschaften befreien würde, und daß das, was übrigbliebe, die "Seele der Welt" sei. Natürlich trifft er irgendwann tatsächlich auf einen Alchimisten, und die daraus entstehende Lehrer-Schüler-Beziehung rückt das irrige Weltbild des Jungen zurecht, während sie ihn gleichzeitig dazu ermutigt, seinen Träumen treu zu bleiben. "Mein Herz fürchtet sich davor, zu leiden", vertraut der Junge dem Alchimisten eines Nachts an, als sie in den mondlosen Himmel schauen.
"Sag deinem Herz, daß die Furcht vor dem Leiden schlimmer ist, als das Leiden selbst", antwortet der Alchimist. "Und daß noch nie ein Herz auf der Suche nach seinen Träumen gelitten hat, weil jede Sekunde der Suche eine Sekunde der Begegnung mit Gott und der Ewigkeit ist." --Gail Hudson -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Paulo Coelhos «Alchimist» verwandelt Blei in Gold
Der junge Hirte Santiago wundert sich über den «geheimnisvollen Gleichklang», der sein Leben mit demjenigen der Schafe verbindet: «Sie haben sich schon so an mich gewöhnt, dass sie meinen Rhythmus kennen.» Aber «nach kurzer Überlegung» kommt er zum Schluss, dass es «auch umgekehrt sein könnte: er selber hatte sich dem Rhythmus seiner Schafe angepasst». Der 50jährige Ex-Hippie und -Songtexter Paulo Coelho will mit der Schreibfeder nicht irritieren, sondern Ruhe spenden. Der Brasilianer reiht sich ein in jenen Literaturzweig, der vor der Kulisse einer vielbeschworenen Jahrtausendwende-Sinnkrise die Harmoniesucht, oder vielleicht sollte man besser sagen: das Erholungsbedürfnis, einer von Hektik geplagten Leserschaft zu bedienen weiss. Die Lektüre eines Buches (etwa über eine «Beerdigung im Schnee») mag denn nicht nur unserem Schafhirten ein «Gefühl der Erfrischung unter starker Mittagssonne» bringen.
Wie findet die Menschheit zu sich selbst, lautet die endlos variierte Gretchenfrage. Indem sie «die Dinge so sieht, wie sie wirklich sind», antwortete zum Beispiel Susanna Tamaro vor nicht allzu langer Zeit mit dem Tiefsinn eines Fernsehseriendoktors und beförderte damit ihr Opusculum «Geh, wohin dein Herz dich trägt» prompt zum meistverkauften italienischen Buch seit Ecos «Der Name der Rose».
Auf einschlägige Herzensbildung setzt ebenso erfolgreich Coelho, dessen Parabel über einen andalusischen Hirten «O Alquimista» (deutsch: «Der Alchimist») im Original 1988 erstmals erschienen ist und seither über 6 Millionen mal verkauft und in 28 Sprachen übersetzt wurde. Von Australien bis Norwegen erobert das Buch die Bestsellerlisten und befördert Coelho nach García Márquez zum meistgelesenen lateinamerikanischen Schriftsteller (wie «The Economist» ausgerechnet hat). Für den Erfolg der deutschsprachigen Ausgabe war nun immerhin ein zweiter Anlauf nötig, nachdem das Buch 1991 unter dem Titel «Die Geheimnisse der Pyramiden» bereits im kleinen Peter-Erd-Verlag erschienen war und zwischen Ayurveda-Büchlein und Esoterik-Wegleitung verstaubte. Der zweite Versuch beim Diogenes-Verlag hat geklappt; die Herausgabe weiterer Coelho-Bücher auf deutsch ist geplant. Mit magischem Realismus hat dies freilich weniger zu tun als mit instinktsicherer Spekulation, die orientalische Lebensweisheiten und südländischen Charme legiert. Das mündet in ebenso simple wie einleuchtende Botschaften: «Vertraue auf die Stimme deines Herzens, aber vergiss nicht, dass du dich in der Wüste befindest.» Die Erfolgsquote ist direkt proportional zur Erfüllung der Publikumserwartungen; Coelhos Reisebegleiter hat für jede Lebenslage eine Binsenweisheit parat.
Der Plot ist schnell erzählt: Santiago, der den einfachen, redlichen Menschen verkörpert, will sich eines Tages nicht mehr damit bescheiden, seinen Schafen aus Büchern vorzulesen, und zieht traumgeleitet nach Afrika, um dort einen Schatz zu finden. Auf dem Weg zu seiner «inneren Bestimmung» trifft er einen weisen Alchimisten und die schöne Fatima. Er lernt, dass man der «Sprache der Zeichen» folgen muss und «dass die Liebe niemals einen Mann von seiner Bestimmung abhält». Am Ende erfährt er, dass der gesuchte Schatz zu Hause unterm andalusischen Maulbeerbaum vergraben liegt.
Der Autor tarnt seinen «Roman» geschickt als Märchen, womit auch das Herz und die Elemente in den Kalenderspruch-Disput um die «Weltenseele» eintreten dürfen. Mit Wind-und-WetterDramaturgie wird das menschliche Geschick in Naturgeschichte mystifiziert und die Sehnsucht nach den letzten Antworten gewissermassen herbeisuggeriert, um am Ende doch nur auf den Unterschied zwischen Epiphanie und Erleuchtungsklischee zu verweisen. Die Erfahrung, «dass Ausdauer und Mut eines Menschen geprüft werden, der nach seinem persönlichen Lebensweg sucht», macht am Ende auch der Leser.
Die Zeichen der Zeit haben übrigens auch Warner Bros. erkannt und sich die Filmrechte gesichert. Wir wünschen uns Umberto Eco als Drehbuchadapteur, Till Schweiger als lesenden Schäfer und Jörg Kachelmann als Chefbeleuchter.
Claudia Schwartz -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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"Nun bist du beinahe am Ziel deiner Reise", sagte der Alchimist. "Meinen Glückwunsch, dass du deinem persönlichen Lebensweg gefolgt bist." (S.132)
Zum Teil liegen die Antworten auf diese Fragen in der Geschichte, die uns Coelho erzählt. Es ist die Geschichte des einfachen Hirten Santiago, der von einem Schatz träumt. Für diesen Traum und für seinen Schatz gibt er all das auf, was ihn definierte. Er folgt seinen Träumen ungeachtet aller Hindernisse. Hier trifft Coelho den Nerv der Zeit: Er hält unserer Gesellschaft einen Spiegel vor, in dem wir sehen, dass wir nie glücklich sein können, wenn wir uns nur über Geld und Macht definieren. Wir sind nicht nur Konsumenten, sondern Individuen. Und jedes Individuum hat seinen eigenen Weg zum Glück. Doch der Grund, warum dieses Buch so faszinierend ist, muss mehr als nur seine Geschichte sein.
"Es gibt eine Sprache, die jenseits der Worte steht", dachte er. (S. 50)
Vielleicht liegt der Zauber Coelhos in seiner Sprache. Die Sprache wirkt teilweise einfach, märchenhaft und schlicht, dann schwingt sie sich wieder zu philosophischen Höhen auf. Doch es geht Coelho nicht darum, ob seine Sprache kunstvoll ist. Es geht ihm darum, dass er mit der Sprache die Empfindungen seiner Seele auf Papier bannen kann. Somit könnte man Coelho als eine Art Gegenpol zu den Klassikern Schiller und Goethe aufstellen, die beide in einem Kunstwettstreit ihre Werke hochstilisiert haben. Während bei den Klassikern oft die Kunst der Sprache im Vordergrund stand, steht bei Coelho nur die reine Aussage im Vordergrund.
Somit wird sicher nicht jeder mit den mystischen Büchern Coelhos glücklich werden, doch ist auch nicht jeder ein Goethe Verehrer. Es gibt nur ein Mittel, um herauszufinden, ob Coelho auch ihre Seele berührt: Lesen sie den "Alchimisten"!
Sie werden es nicht bereuen :-) ...
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