Aus der Amazon.de-Redaktion
Während die Schimpansen alles andere als die intelligenten, friedlichen Schmuseäffchen sind, als die sie uns so gerne vorgeführt werden, sondern im Hinblick auf die menschliche Natur vor allem deren machtfixierte Seite repräsentieren, stehen die Bonobos für eine ausgeprägte und freizügige Sexualität. Vergleicht man in Gefangenschaft lebende Schimpansen und Bonobos, die gleich viel Platz haben, dieselbe Nahrung bekommen und dieselbe Anzahl von Partnern haben, dann geben sich Bonobos im Durchschnitt alle anderthalb Stunden und mit einer viel größeren Zahl von Partnern dem Sex hin als Schimpansen, die nur alle sieben Stunden Sex haben. Letzteres auch deshalb, weil Schimpansen wegen ihrer Macht- und Hierarchiekonflikte nicht so viel Aufmerksamkeit auf die schönen Seiten des Lebens legen können. Während Bonobos selbst Konflikte wegen des Fressens schon mal mit Sex lösen, kommt es bei Schimpansen nicht selten auch ohne einen erkennbar besonderen Anlass zu ausgesprochen handfesten Auseinandersetzungen und sogar regelrechten Gewaltexzessen. Wenn Schimpansen Schusswaffen und Messer hätten und wüssten, wie man damit umgeht, zitiert de Waal die weltbekannte Schimpansenforscherin Jane Goodall, würden sie ohne jeden Zweifel ebenso davon Gebrauch machen wie wir Menschen.
Den Unterschied zwischen den beiden Menschenaffenarten vergleicht de Waal mit der humanpsychologischen Unterscheidung zwischen HE- (das heißt Hierarchien erzwingenden) und HA- (Hierarchien abschwächenden) Persönlichkeiten. Der Mensch habe das Glück, zwei innere Affen zu haben. So sei der Mensch nicht nur in erstaunlichem Maß zur Vernichtung seiner Umwelt und auch seinesgleichen fähig, sondern verfüge zugleich über Quellen der Empathie und der Liebe, die tiefer reichten als alles zuvor gekannte. Da das menschliche Tier die Herrschaft über alle anderen erlangt hat, schließt der Autor seine ausgesprochen lesenswerte und erhellende Bestandsaufnahme, ist es um so wichtiger, dass es ehrlich in den Spiegel blickt, damit es sowohl den Erzfeind entdeckt, der ihn da anblickt, als auch den Alliierten, der bereit ist, ihm beim Bau einer besseren Welt zu helfen. -- Alexander Dohnberg -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Kurzbeschreibung
Genetiker haben bewiesen, wie nah verwandt wir den Primaten sind. Im Hinblick auf das Verhalten legen wir aber doch Wert auf gewisse Unterschiede. Zu Unrecht, sagt Frans de Waal. Das menschliche wie das tierische Verhalten folgt evolutionär geprägten Schemata. Ob es um Macht, Gewalt oder Zuneigung geht: Der Mensch kann seine Verwandtschaft mit den Primaten nicht verleugnen. Wer sich nun gekränkt fühlt, sollte trotzdem dieses Buch lesen, denn so unterhaltsam und klug wird einem selten erklärt, warum wir so sind, wie wir sind.
Über den Autor
Frans de Waal, geboren 1948 in den Niederlanden, ist Professor für Primatenverhalten an der Emory University und Direktor des Living Links Center in Atlanta/USA. Er zählt zu den bekanntesten Primatenforschern der Welt.
Auszug aus Der Affe in uns. Warum wir sind, wie wir sind von Frans de Waal, Frans DeWaal. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Solche Fragen sind für bipolare Charaktere wie uns Zeitverschwendung. Als würde man fragen, ob man eine Fläche am besten nach der Länge oder nach der Breite mißt. Noch schlimmer sind Versuche, nur den einen Pol auf Kosten des anderen in Betracht zu ziehen. Gleichwohl ist es genau dies, was das Abendland jahrhundertelang gemacht hat, indem es unsere egoistische Seite als irgendwie authentischer als unsere soziale hingestellt hat. Wenn Menschen so auf Rivalität aus sind, wie unterstellt wird, wie können sie dann Gesellschaften bilden? Traditionell wird darauf mit einem »Vertrag« geantwortet, den unsere Vorfahren geschlossen haben sollen; nur »durch Übereinkunft«, die »künstlich« sei, wie Thomas Hobbes es formulierte, hätten sie ihr Zusammenleben geregelt. Wir werden als Einzelgänger gesehen, die sich nur widerstrebend zusammengetan haben: klug genug, um die Ressourcen zu bündeln, aber ohne jede wirkliche Bindung an die eigene Art.
Das alte lateinische Sprichwort homo homini lupus (»Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf«) faßt diese asoziale Vision zusammen, die bis auf den heutigen Tag das Rechtswesen, die Wirtschaft und die Politik beeinflußt. Problematisch ist, daß diese Formulierung nicht nur uns falsch darstellt, sondern auch einen der geselligsten und loyalsten Kooperateure im Tierreich beleidigt - und zwar einen so loyalen, daß unsere Vorfahren ihn klugerweise domestizierten. Wölfe leben von Beutetieren, die viel größer sind als sie selbst - Karibus oder Elche etwa -, und das gelingt ihnen nur dank Teamarbeit. Wenn sie von der Jagd heimkehren, würgen sie verschlungenes Fleisch für säugende Muttertiere, für die Jungen und manchmal für Kranke und Alte hervor, die zurückbleiben mußten. Wie grölende Fußballfans stärken sie die Einheit des Rudels, indem sie vor und nach der Jagd gemeinsam heulen. An Rivalitäten mangelt es ihnen nicht, aber Wölfe können es sich nicht leisten, ihnen freien Lauf zu lassen. Loyalität und Vertrauen stehen an erster Stelle. Verhaltensweisen die die Basis der Kooperation unterminieren, werden unterdrückt, um ein Erodieren der sozialen Harmonie zu verhindern, von der das Überleben abhängt. Ein Wolf, der seinen kleinen, individuellen Interessen Vorrang gibt, kann bald allein Mäuse jagen.
Menschenaffen kennen dieselbe Art von Solidarität. Bei Feldforschungen im Taï-Nationalpark an der Elfenbeinküste wurden Schimpansen dabei beobachtet, wie sie Gruppenmitglieder pflegten, die von Leoparden verwundet worden waren; sie leckten ihnen das Blut weg, säuberten die Wunden und sorgten dafür, daß keine Insekten in die Nähe kamen. Sie verscheuchten Fliegen, schützten die verletzten Gefährten und drosselten das Tempo, wenn diese nicht mitkamen. All dies erscheint absolut logisch, wenn man bedenkt, daß Schimpansen aus gutem Grund in Gruppen leben, genau wie Wölfe und Menschen aus gutem Grund Herdentiere sind. Wir stünden nicht da, wo wir heute sind, wenn unsere Vorfahren auf Distanz zueinander gegangen wären.
Ich erkenne daher das Gegenteil des traditionellen Bildes einer Natur, die »blutrot an Zähnen und Klauen« ist, für die das Individuum zuerst kommt und die Gesellschaft etwas Nachgeordnetes ist. Man kann die Früchte des Gruppenlebens nicht ernten, ohne seinen Beitrag geleistet zu haben. Jedes soziale Tier findet seine eigene Balance zwischen beidem. Einige verhalten sich relativ garstig, andere relativ nett. Aber selbst noch die rabiatesten Gesellschaften, beispielsweise die von Pavianen und Makaken, halten die interne Zwietracht in Schach. Die Leute glauben oft, in der Natur bedeute Schwäche automatisch Eliminierung - ein Prinzip, das zum »Gesetz des Dschungels« aufgebauscht wird -, in Wirklichkeit aber erfreuen sich soziale Tiere beachtlicher Toleranz und Unterstützung. Was wäre sonst der Sinn des Zusammenlebens?
Ich habe früher oft mit einer Gruppe von Rhesusaffen gearbeitet, die ein in ihrer Mitte geborenes geistig zurückgebliebenes Jungtier, Azalea, durchaus akzeptierten. Bei Azalea war ein Chromosom dreifach vorhanden, was ähnliche Folgen zeitigt wie das menschliche Down-Syndrom. Normalerweise bestrafen Rhesusaffen alle, die gegen die Regeln ihrer strengen Gesellschaft verstoßen, aber Azalea kam sogar mit schwersten Verstößen durch, wie etwa dem Alphamännchen zu drohen. Es war, als hätten alle bemerkt, daß man nichts gegen Azaleas Unbeholfenheit tun konnte. In einem ähnlichen Fall gehörte zu einer wildlebenden Makakengruppe in den Bergen Japans ein von Geburt an behindertes Weibchen namens Mozu, das kaum laufen, geschweige denn klettern konnte, weil es weder Hände noch Füße hatte. Mozu, die immer wieder in japanischen Naturfilmen zu sehen ist, wurde von ihrer Gruppe so sehr akzeptiert, daß sie ein langes Leben hatte und fünf Nachkommen aufzog.
So viel zum Überleben der »Tüchtigsten«. Auch daran ist natürlich vieles wahr, aber es ist unnötig, das Leben unserer Verwandten als eines zu karikieren, bei dem man ständig einen Blick über die Schulter werfen muß. Primaten fühlen sich in der Gesellschaft anderer sehr wohl. Mit anderen gut auszukommen ist eine entscheidende Fähigkeit, weil die Überlebenschancen außerhalb der Gruppe angesichts von Raubtieren und feindseligen Nachbarn gering sind. Primaten, die sich alleine überlassen sind, finden schnell den Tod. Das erklärt, warum sie außerordentlich viel Zeit - bis zu zehn Prozent des Tages - dafür aufwenden, ihre sozialen Bindungen zu pflegen, indem sie andere groomen. Feldforschungen haben gezeigt, daß bei Tieraffen die Weibchen mit den besten sozialen Verbindungen die meisten überlebenden Nachkommen haben. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .