Am Tag seines Klassentreffens nach 25 Jahren bestandenen Abiturs muss der Untersuchungsrichter Dr. Ernst Sebastian darüber entscheiden, ob ein Delikt, dass einem gewissen Franz Adler vorgeworfen wird, zur Anklage kommen soll oder nicht.
Sebastian glaubt, in Adler den Schulkameraden wiederzuerkennen, an dem er schuldig wurde. Als Sebastian 1902 neu in die Gymnasialklasse kam, hatte Adler eine führende Position unter den jungen Männern inne. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, seinen Platz in der Klassengemeinschaft zu finden, verdrängt Sebastian Adler aus seiner Stellung, indem er ihn bloßstellt, blamiert, demütigt, sich über ihn lustig macht, aber alles auf eine Art, dass es nicht offensichtlich ist und alle, Adler eingeschlossen, zunächst darüber lachen. Sebastian stört das Gleichgewicht in der Klasse, und bedingt durch Gruppenzwang stellen sich bis auf einen Mitschüler nach und nach alle auf seine Seite, so dass Adler seine Position verliert und zum Verlierer wird. Dabei bezeichnet Sebastian Adler immer als seinen Freund, dem er nicht schaden wolle. Er scheint aus einem inneren Zwang heraus zu handeln, an dem seine eigene Familiensituation möglicherweise nicht ganz unschuldig ist: sein Verhältnis zum Vater ist gespannt, dieser interessiert sich nicht besonders für den Sohn, setzt jedoch gewisse Erwartungen in ihn, die Sebastian nicht erfüllen kann. Die Situation mit Adler eskaliert, am Ende sorgt Sebastian dafür, dass er nicht nur die Schule, sondern sogar das Land verlässt, um von einem eigenen Vergehen ab- und den Verdacht auf Adler zu lenken.
Sebastian ist sich seiner Schuld bewusst. Aus Angst, Adler irgendwo wieder zu begegnen, hat er sich nie getraut, die Stadt seiner Schulzeit zu verlassen. Auch ist er auf der Karriereleiter nicht besonders hochgeklettert, sondern, entgegen den Erwartungen seines Vaters, Untersuchungsrichter geblieben. Das Auftauchen Adlers am Tag des Klassentreffens lässt ihn die Ereignisse von damals Revue passieren und in einer Nacht wie im Fieberwahn niederschreiben.
Nicht gut herausgearbeitet wird der auf dem Klappentext erwähnte Umstand, dass Adler, das Opfer, Jude, und Sebastian, der Täter, Christ ist. Für die Handlung spielt dies überhaupt keine Rolle und findet im Buch auch keine nennenswerte Erwähnung.
Die Geschichte ist autobiografisch, wobei, erzählt aus der Sicht Sebastians, nicht dieser Werfels Alter Ego ist, sondern Adler. Perspektivisch gesehen, weil untypisch, ist dies sehr interessant.
Heute würde man Sebastians Verhalten gegenüber Adler als Mobbing bezeichnen. Diesen Begriff gab es damals noch nicht, auch kein adäquates Synonym, wohl aber, wie man sieht, den Tatbestand.
Der Abituriententag ist ein sehr gutes, wenn auch kein schönes Buch. Man kann nicht sagen, dass es Spaß macht, es zu lesen, ganz im Gegenteil. Sebastians Verhalten gegenüber Adler ist furchtbar. Dies als Jugenddummheit oder Jugendsünde zu bezeichnen, ist zu schwach. Im Alter von 17 Jahren, zumal vor einhundert Jahren, ist man durchaus erwachsen und für sein Tun verantwortlich. Gleiches gilt für die Klassenkameraden, die es geschehen lassen und sogar unterstützen.