Eine kompetente und kompakte Darstellung der deutschen Außenpolitik vor dem 1. Weltkrieg ohne ideologische Scheuklappen? Man ist verwundert und erfreut.
Dem Autor, Historiker mit DDR-Vergangenheit und deshalb vermutlich unempfänglich für die BRD-typische ex post-Sicht eines Wehlers oder Winklers, gelingt eine Darstellung, die die tatsächlichen Gegebenheiten, Chancen, Risiken, Möglichkeiten und Begrenztheiten des Deutschen Reiches am Vorabend des Ersten Weltkriegs wieder in den Vordergrund rückt - jenseits aller Spekulationen um einen angeblichen "Griff nach der Weltmacht".
Interessant ist, dass so wieder die Positionen der älteren Historikergeneration (wie z.B. Egmont Zechlin, Hans Herzfeld u.a.) bestätigt und gewürdigt werden, die seinerzeit gegen Fritz Fischers einseitige und geradezu autistisch deutsch-zentrierte Interpretation die internationale Dimension, sprich die Kriegsziele und den Kriesgwillen der Gegner, ins Feld geführt hatten.
In Einzelstudien ist diese Interpretation - ob man sie nun unter dem Schlagwort "deutscher Sonderweg" (Winklers "Langer Weg nach Westen"), "Sozialimperialismus" (Wehler) oder "Griff nach der Weltmacht" (Kontinuitätsthese dt. agressiver Hegemonialpolitik) subsumiert - neuerdings vielfach bereits angegriffen worden: So haben Oliver Stein ("Die deutsche Heeresrüstungspolitik 1890-1914") und Rolf Hobson ("Maritimer Imperialismus") gegen alle Sozialimperialismus-Postulate auf den "Primat der Politik" in der Heeres- und Flottenrüstung hingewiesen, während z.B. Andreas Rose ("Britische Außenpolitik vor dem Ersten Weltkrieg"), Christian Wipperfürth ("Britische Außenpolitik und Sozialökonomie im Zeitalter des Imperialismus"), Irmin Schneider ("Die deutsche Rußlandpolitik 1890-1900") oder Stefan Schmidt ("Frankreichs Außenpolitik in der Julikrise 1914") verstärkt die anderen Mächte in den Blick nahmen und damit die deutsche Politik wieder in den zeitgenössischen internationalen Kontext einfügten (aus dem sie Fischer und Nachfolger bewusst herausgelöst haben).
Im Ausland hatte die "Sonderwegs"-These ohnehin weniger Anhänger und wurde vielerorts kritisiert (Geoff Eley, David Blackbourn, Pogge von Strandmann, Margaret Lavinia Anderson etc.). In der bundesdeutschen Publizistik dagegen erfreut sich die These einer deutschen, anti-demokratischen Kontinuität nach wie vor einer großen Beliebtheit. Um so erfreulicher, dass hier nun eine Darstellung vorliegt, die sich an den Fakten orientiert und nicht ex post eine Begründung sucht, warum die BRD der beste Staat ist, der je auf deutschem Boden existierte.
Nicht alles in der deutschen Geschichte führt zu Hitler. Es gibt tatsächlich Epochen, die aus sich selbst heraus verstanden und gedeutet werden sollten.