Jede Übersetzung ist in ihrem Sinne schon Interpretation durch den Übersetzer. Je nachdem, wo sich dieser in dem Verhältnis zwischen Ausgangstext und Zielsprache positioniert, wird auch seine Übersetzung ausfallen. In Versform gebundene Sprache zu übersetzen erschwert die Aufgabe noch. Dem großartigen Meisterwerk Eminescus, mit ihren stilistischen Eigenheiten, dem harmonischen Gleichklang der Verse, der klassizistischen Einfachheit, kann wohl leider keine Übersetzung gerecht werden - oder: es gibt noch keine und sie muss erst abgefasst werden, von einem Übersetzer, der an die Genialität Eminescus heranreicht. Es ist ein trauriger Fall, dass, nur, wer das Rumänische beherrscht, wirklich das Überragende dieses Kunstwerkes erfassen kann. Ein Unglück in einer Sprache zu schreiben, der Universalität ermangelt. Der Abendstern vereint alles in sich, was große Kunst ausmacht. Tiefste Lebenswahrheiten, das Schicksal des einsamen Künstlers in einer Welt, die ihn nicht begreifen kann, obwohl sie es wollen würde, die philosophischen Grundkonzeptionen von Raum und Zeit, und wie sich alles in und um uns in Vergänglichkeit und Ewigkeit wechselwirkend bewegt. Es wird ein Allgemeines, so wie es Aristoteles in seiner Poetik postuliert, aufgezeigt, das jeder für sich wiederum subjektiv auf seinem eigenen Erfahrungshorizont nachvollziehen kann. Das ist das Ziel der Kunst. Und, auch das Emontionale wird erst auf dem Hintergrund des Intellektuellen Vergnügens an der ästhetischen Formschönheit und Ausfeilung des Werkes möglich. Eminescu wurde jahrzehntelang nur als Romantiker (miss)verstanden, und die Übersetzer richteten sich allesamt danach, indem sie ihm einen überromantisierten Sprachgestus ihrer eigenen Landessprache zuordneten. So trugen sie viel dazu bei, sein Bild zu verfälschen.