Man kann sagen, dass diese Platte zu melancholisch sei, dass die eine oder andere Basslinie heute anders gespielt werden würde, dass einige Lieder belanglos sind, dass diese typisch ostdeutsche negative Grundhaltung zum Kotzen sei.
Man kann aber auch sagen, dass die in den langen Jahren der DDR-Zensur erworbene Fähigkeit, Inhalte in Metaphern zu verpacken, zu einigen der schönsten deutschen Texte geführt hat. Und dass die westdeutsche Oberflächlichkeit ein Verständnis solcher Texte unmöglich macht.
Unabhängig davon ist es Tatsache, dass sich auf dieser Platte textlich und musikalisch ausgereifte Kompositionen befinden, bei technisch solider Ausführung.
Ich persönlich würde sogar sagen, auf dieser Platte finden sich einige der besten deutschsprachigen Lieder überhaupt.
1. der siebente samurai:
Ein energetischer Aufruf zur Aufnahme des Lebenskampfes, zum Verfolgen des eigenen Lebensweges unter Akzeptanz nicht genutzter Möglichkeiten und im Angesicht des absehbaren Endes. ("Gib mir die versteckten Stiefel wieder, da draußen schreit mein letzter Tag.")
8. sehnsucht nach dem rattenfänger:
Eine Darstellung der üblichen Abläufe nach Revolutionen, nämlich aufgrund des Wunsches nach geordneten Verhältnissen die Rückkehr zu vorherigen Zuständen, nur unter anderem Banner. Inklusive Verwandlung des Retters aus der Not in den nächsten Tyrannen. Das verbunden mit dem Aufruf, sich diese Restitution nicht gefallen zu lassen und notfalls sofort die nächste Revolution zu starten. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt?
9. ich mache meinen frieden:
Ein versöhnliches Lied. Die Weigerung, sich weiter über die Unwägbarkeiten des Lebens und all die sinnlosen Kämpfe der Menschen untereinander aufzuregen.
11. kämpfen wie männer:
Erschienen im selben Jahr wie das wesentlich berühmtere "Schrei nach Liebe" von Die Ärzte, beschäftigt sich dieses Lied zwar ebenfalls mit dem Thema des Rechtsradikalismus ("wenn die Killerameisen marschieren"), geht aber darüber hinaus und nimmt die Diskussionen zu Amokläufen wie z.B. in Erfurt 2002 vorweg, indem es auf seelische Hintergründe zu solchen Einstellungen und Taten verweist ("hinter dem kriegsbemalten Gesicht sieht man die arme Seele nicht"). Gundermann bleibt dabei auf der familiären Ebene und zeigt über Konfliktbereitschaft und Anerkennung zwischen Vater und Sohn einen Weg auf.
13. schwarze galeere:
Der melancholischste Song. Metaphernschwanger. Düster. Ehrlich.
Fazit:
Neben einigen schön formulierten aber etwas überzuckerten Liebesliedern Themen von Schwere und Bedeutung. Die Bilderfülle sorgt für intuitives Verständnis und reichhaltige Interpretations- und Identifikationsmöglichkeiten.
Diese Platte macht Mut und gibt Kraft, weil sie ehrlich ist. Die Welt ist hart und das Leben schwer. Deswegen braucht man sich aber noch lange nicht in Überlegenheitsphantasien versteigen (Rap), alles und jeden anschreien (NuMetal) oder traurig in einer Ecke sitzen (Emo).
Lieber ab und zu ein bischen losrocken. Ohne große Attitüde.