Ein tollkühnes Szenario: Das Stauffenberg-Attentat auf Hitler glückt am 20. Juli 1944, die Regierung wird gestürzt und eine neue Machtbalance aus Reichswehr und SS entsteht im Deutschen Reich - mit fatalen Folgen. Nach dem Sturz Hitlers kämpfen die Deutschen noch verbissener um den Sieg, ja um die Existenz, die Atomforschung wird vorangetrieben. Im Mai 45 ist der Krieg entschieden: Minsk wird durch eine deutsche Atombombe ausradiert. Diese atemberaubende Was-wäre-wenn-Geschichte beschreibt Christian v. Ditfurth in seinem Polit-Thriller „Der 21. Juli" haargenau. Sublim erzählt, von fundierten historischen Kenntnissen durchsetzt, spinnt der Autor das Stauffenberg-Attentat weiter (man merkt, dass Ditfurth Historiker ist). Im Mittelpunkt des Geschehens steht der SD-Mann Knut Werdin, der unter den Nazis zunächst für die Sowjets, später für Amerika spioniert. Und 1953 aus dem amerikanischen Exil zurück nach Deutschland fliegt, um den neuen Machthaber des Reichs zu töten: Heinrich Himmler. „Der 21. Juli" besticht nicht nur durch die kohärente Handlung; auch der formale Aufbau lässt die Spannung mit jeder Seite wachsen. So findet das Geschehen in zwei verschiedenen Zeitebenen statt, 1944 und 1953. Das Buch beginnt 1953, zieht den Plot dann rückwärts auf, um schließlich wieder in der Gegenwart zu enden. Ständig wechselnde Perspektiven garantieren Abwechslung und beleuchten die Story aus den verschiedensten Blickwinkeln. SD-Mann Werdin ist hin- und hergerissen zwischen seinen sozialistischen Idealen und seinem Patriotismus. Der russische General Grujewitsch ringt um einen neuen Nichtangriffspakt mit Deutschland. Darüber hinaus werden die Charaktere vor allem deshalb rund und menschlich beschrieben, da auch ihre privaten Nöte bei ihren Entscheidungen stets mitspielen. Ditfurths Kombination aus historischen Fakten und blühender Fiktion wirkt beklemmend realistisch: die Folterszenen im Keller der SS, Observationen, Geheimdienst-Operationen. Fast schon mit einem Schmunzeln reagiert man, wenn plötzlich Ludwig Erhard als autokratischer Wirtschaftsminister auftritt oder Stauffenberg eine zweite Dolchstoßlegende fürchtet. Insgesamt ein beeindruckender Roman voller Lebendigkeit und realistischer Spannung, der Widerstand, Tyrannenmord und Kriegsangst auch mal aus Sicht des kleinen Mannes schildert.