Das Genre der Kirchen-Thriller wäre ja eigentlich ein wunderbares, würde es nur mehr Bücher geben, die ihren Ansprüchen gerecht werden. Giffords "Assassini" und Dan Browns "Illuminati" und "Sakrileg" sind da leider schon die positiven Ausnahmen, ansonsten viele Trittbrettfahrer und viele Tüten heiße Luft.
"Der 13. Apostel" dagegen hat mich umgehauen - ein Meisterwerk! Hinsichtlich der Kernhandlung - Wissenschaftler auf der Suche nach einem Dokument, das die Kirchengeschichte auf den Kopf stellen könnte - vielleicht gar nicht mal so originell. Das ist allerdings irrelevant, denn der Roman bezieht seine Stärken aus der Darstellung seiner Figuren und seiner Schauplätze.
O'Hanrahan, der äußerst vielschichtig gezeichnet ist und im Laufe der Handlung einen erschreckenden körperlichen und seelischen Verfall mitmacht, ist auf den ersten Blick ein Ekel, hinter der Fassade aber: immer noch ein Ekel. Denn typisch für Barnhardts Stil: Harte Schale, weicher Kern, so einfach macht er es uns nicht. Man muss schon durch einige dicke Schichten dringen, um O'Hanrahans sympathische Seiten zu erkennen, denn unter seiner geistreichen, witzigen, aber auch krass unhöflichen Maske verbirgt sich erstmal ein Säufer, dahinter ein willensschwacher Zyniker, dahinter dann ein tief gebrochener Mann, der vieles erreicht, noch mehr aber nicht erreicht hat in seiner Karriere. Eine faszinierende Figur.
Lucy entspricht ebenso wenig den Klischees der übrigen Kirchen-Thriller. Eine Theologie-Dozentin, etwas dicklich, mit hässlicher Brille und unmöglicher Kleidung, humormäßig eher uncool, von andauernden Selbstzweifeln zerrissen, Zielscheibe ständigen Spotts von O'Hanrahan und dennoch sympathisch in ihrer Loyalität und ihrem Wunsch, auszubrechen aus ihrer langweiligen Uni-Karriere.
Die Orte sind eindringlich, atmosphärisch dicht und sehr klug geschildert. Sei es die rauhe, stürmische Küste Nordirlands, sei es das kultivierte Florenz, das sonnige Griechenland oder das atemberaubende Jerusalem, immer gelingt es Barnhardt, bunte, lebendige Bilder vor dem Auge des Lesers entstehen zu lassen. Die Schilderung des Nahost-Konflikts ist angesichts des Alter des Buches erstaunlich aktuell, packend und ausgewogen.
Barnhardts Sprache übertrifft Dan Brown um Längen und sogar Gifford noch um ein Stückchen. Völlig unbegreifbar, weshalb so ein Schriftsteller nicht viel mehr geschrieben hat als dieses Opus magnum. Die Mischung aus geistreichen Dialogen, sarkastischen Frotzeleien, ironischen und manchmal sehr traurigen Gottes-Kommentaren und geballtem Kirchen-Wissen lassen das Buch auf 1.000 Seiten in keinem Moment langweilig werden - ich hätte nochmal 1.000 Seiten vertragen.
Angereichert mit weiteren nützlichen Zutaten - eine Kloster-Insel, mysteriöse Mönche, Jagd über die Kontinente, unsichtbare Dritte, geopolitische Interessenkonflikte, christliche Gruselgeschichten - ist für mich der Prototyp des Kirchenthrillers entstanden.