Nicole Wilde stellt sich mit diesem Buch einer besonderen Herausforderung:
Sie beleuchtet das enorm große Thema "Angst" umfassend von allen Seiten und leitet zugleich verständlich für jedermann eine praktische Umsetzung der erklärten Thesen und Inhalte an.
Die Beziehung zwischen Hund und Mensch hat sich in den letzten Jahren geschichtlich gesehen doch stark verändert. Aus dem mit klar definierten Aufgaben betrauten Weggefährten des Menschen ist zunehmend ein Sozialpartner geworden. Ein Partner, der sich in einer nicht für ihn zugeschnittenen Welt zurechtfinden muß. Eine Welt, die mit seinen instinktiven Reaktionen häufig Probleme hat. Dazu kommt, daß er vielfach Aufgaben aus dem eigentlich zwischenmenschlichen Bereich gestellt bekommt, also große emotionale Erwartungen in ihn gesetzt werden.
Erfüllt er diese Erwartungen nicht, ist der Weg ins Tierheim leider oft vorgezeichnet. Einer von vielen Gründen für die Abgabe von Hunden, die ihre Ursache in einem erschreckend weit verbreiteten Mangel an Kenntnis der Fähigkeiten und Bedürfnissen dieser Tiere haben.
Eigentlich ist es logisch und vorhersehbar: Man stelle sich vor, ein kleiner Mensch würde in eine Welt katapultiert, die von einer riesengroßen, für ihn artfremden Spezies beherrscht wird. Eine Spezies mit einer komplett anderen (Körper-)sprache, die nach für ihn fremden Regeln lebt.
Die natürliche Reaktion auf so eine unbekannte Welt, in der vermeintlich weit überlegene Wesen hausen, ist Angst.
Was würde in so einem Fall Sicherheit geben?
Man müsste einen Weg der Kommunikation anbieten, damit die Regeln und somit ein ihnen angepasstes Verhalten erlernt werden können.
Diesen Weg zu finden und ihn dann gemeinsam mit dem Hund zu gehen, könnte man als zentrales Anliegen des vorliegenden Buches beschreiben.
Nicole Wilde führt mit Misshandlung, mangelnder Sozialisierung, traumatischen Erfahrungen, Krankheiten und sogar der Genetik viele weitere Gründe für ängstliches Verhalten auf. Dabei werden Begriffe wie erlernte Ängste, aggressiv wirkende Ängste, Furcht, Panik und Phobie genau definiert und voneinander abgegrenzt.
Den praktischen Buchteil beginnt die Autorin damit, die verschiedenen Arten von Angstsymptomen zu unterscheiden. Hierbei erklärt sie genau, wie diese Symptome oder auch mancher Zwiespalt, in dem der Hund sich befindet, körpersprachlich aussehen.
Mit passender Bebilderung werden ihre Ausführungen eindrucksvoll unterstrichen.
Konsequent und umfassend bezieht Nicole Wilde mögliche Aspekte, die den Hund beeinflussen ein.
Dazu gehört zuallererst die Körpersprache der Menschen, dann das familiäre Umfeld, der Alltag zu Hause, die Ernährung, die körperliche Beschäftigung bzw Auslastung und vieles mehr. Dem Leser wird vermittelt, wie sehr auch unbewußte Kleinigkeiten und von uns Menschen als Normalität Empfundenes auf den Hund einwirken.
Nach Erläuterung dieser ineinandergreifenden Faktoren führt die Autorin zur Basis und zugleich dem ersten Ziel der Arbeit mit dem Hund; sie nennt es "die solide Grundlage" und auf ihr werden dann die nächsten Schritte aufgebaut.
Detailgenau wird der Leser angeleitet, woraus diese Grundlage besteht und wie er diese schaffen kann.
Dabei spart sie nicht mit Tricks und Tips für die verschiedenen Hundetypen und Situationen.
Es werden konventionelle und unkonventionelle Hilfen vorgestellt, immer mit dem Ziel eines gewaltfreien Umgangs. Der Leser spürt in diesen Ausführungen einen großen Erfahrungsschatz, den sich Nicole Wilde im Umgang als Trainerin mit unzähligen Hunden angeeignet hat.
Ist die Grundlage gelegt, leitet die Autorin an, die verschiedensten Angstauslöser zu erforschen und im Interesse des Hundes zu erkennen und exakt zuzuordnen.
Sie erklärt verschiedene Methoden wie Desensibilisierung, Gegenkonditionierung, klassische und operante Konditionierung, Gewöhnung oder das sog. Flooding und vermittelt dadurch viel Wissen bzw ein gutes Handwerkszeug", um fach- oder besser hundegerecht mit den unterschiedlichen Ängsten umgehen zu können.
Aber es reicht Nicole Wilde nicht, dem Leser dieses Wissen allgemein zu vermitteln. Deshalb geht sie in den folgenden Kapiteln auf die meisten Ängste, mit denen der Hundebesitzer konfrontiert wird, konkret ein. Tierarztbesuche, Autofahren, Treppenlaufen, Gewitter, Geräusche, Berührungen, Krallenschneiden, Trennung, um nur einige der von ihr aufgeführten Angstauslöser zu nennen. Jedem dieser Auslöser ist ein eigenes Kapitel mit Anleitungen und phantasievollen Tips gewidmet, in dem erarbeitet wird, welche Methode am erfolgversprechendsten sein könnte.
Abschließend stellt die Autorin dann noch ergänzende Therapien vor, die sich begleitend zum Verhaltenstraining als äußerst effektiv bewährt haben. Der Leser bekommt einen Überblick und zum Teil sogar ausführliche Anleitungen aus der Arbeit mit Homöopathie, Bachblüten, Tellington Touch, speziellen Massagetechniken, der Calming Cap, Körperbandagen, Akkupressur und -punktur, aber auch dem Einsatz von Pheromonen, Kräutern und Medikamenten..
Insgesamt beeindruckt das gesamte Buch durch eine auffallend klare Struktur, durch die sich das reine Lesen zum Vergnügen und die Benutzung als Nachschlagewerk äußerst komfortabel gestalten.
Man kann sicher noch vieles mehr über Angsthunde und den Umgang mit ihnen schreiben, darauf weist Nicole Wilde mit persönlichem Dank an u.a. James O`Heare und Paul Owens und auch im großen Literaturanhang hin. Um den Rahmen des Buches nicht zu sprengen, taucht auch immer wieder der Rat auf, sich bei ganz speziellen Problemen an einen Fachmann zu wenden
Aber als Ratgeber oder auch kreatives Nachschlagewerk für jedermann, ob mit oder ohne Hundeerfahrung, ist Nicole Wildes Der ängstliche Hund" uneingeschränkt zu empfehlen.