Kirschsack und Triebstau
Markus Werner begibt sich ins 19. Jahrhundert
Wer seinen Helden Bluntschli nennt, kann nichts Gutes mit ihm im Schilde führen der Lächerlichkeit, zumindest der helvetischen Kauzigkeit ist er schon überführt. Mag sein, «der ägyptische Heinrich», wie Markus Werner den eigenen Ururgrossvater im Titel (und frei nach Gottfried Keller) nennt, hat real so geheissen. Doch auch wenn das Buch sich einen semidokumentarischen Anstrich gibt, hätte der Autor seine Figur vor dem Trottel-Verdacht mit einer aparteren Anrede besser bewahrt. Allein, der Name ist Programm. Markus Werners neues Buch ist so bluntschlihaft wie keines zuvor.
Im Hochdeutschen bedeutet das Wort «bluntschli» soviel wie plump oder gedrückt; und wenigstens letzteres ist auch der Tenor dieser fiktiven Recherche. Zumal wenn die Melancholie den Erzähler «in Dunkelhaft nimmt» oder das Aktenstudium die Phantasie auf den Boden der Tatsachen drückt. Da hilft auch der adelnde Hinweis auf Hartmann von Aue nichts: allzusehr hat sich Markus Werner mit seinem Ahnen Heinrich aus Pfäffikon identifiziert. Mit «nur einem Bein im Leben stehend», mit dem andern in der Phantasie des fiktiven Memoirenschreibers fussend, rekonstruiert der Erzähler das glücklose Leben seines Vorfahren mit dem Selbstmitleid des Zuspätgekommenen; auch er «ein zitternder Fremdling im Heute», ein «sprach- und kompassloser Idiot».
Auf den Spuren seines Urahnen Heinrich Bluntschli macht sich der Autor auf die Suche nach einer Familienlegende, die ihn zuerst in die Archive von Zürich und Kairo und dann in die Dunkelkammer seiner Imagination entführt. Doch mag er auch die «grauen Fakten» gehörig ausschmücken, die Erzählung bleibt brav der Recherche verpflichtet. «Ich stelle mir vor» das ist, nicht erst seit Max Frischs «Gantenbein», ein beliebter Topos auch in der Schweizer Gegenwartsliteratur; eine schon wieder leicht angestaubte Möglichkeit, mit den Fallstricken einer sogenannten Biographie literarisch glaubwürdig umzugehen: jede Aktennotiz ist bereits eine Lesart, und jede Erinnerung ist Fiktion. So oder so bleibt das sogenannte Authentische, ob selbst erlebt oder fremd überliefert, ein Produkt der Phantasie. Markus Werner aber hat sich die Ordner, «das blaue Heft» seiner Grossmutter und die mehr oder weniger überlieferte Familienlegende ehrerbietig zur Fessel gemacht und dabei das Ressentiment auf die Jetztzeit tüchtig genährt. Der Erzähler ist, wie sein Ahne, ein Spitzweg aus Pfäffikon.
Ja, Heinrich, ein «guter Kerl» ohne Arg und Tadel, ist ein sanfter Tor, dem das Leben bös mitgespielt hat; «ich möchte lieber nicht», ist der Satz, der ihn treffend charakterisiert. Nun waren noch nie die Vollstrecker Werners Akteure, doch hat er seinen Mürben und Beladenen noch stets mit durchtriebener Selbstironie beigestanden und jeglichem Anflug von Selbstmitleid «die kalte Schulter» gezeigt. So hiess eins seiner besten Bücher, und noch das letzte, «Festland», obschon von sinistrer Grazie umflort, geht mit der Gegenwartsflucht seiner Hauptfigur mit Witz ins Gericht. Heinrich aber ist ein Kauz ohne Komik, weil Werners Buch ihn als literarische Figur nicht ernst genug nimmt.
Das intime Zwiegespräch mit dem Ururahnen das Wort «Roman» hat der Verlag sich verkniffen ist, man liest das bei diesem Autor mit einiger Irritation, hundert Prozent humorfrei, nämlich altväterlich bieder, und, um eine bevorzugte Vokabel aus diesem Buch zu gebrauchen, «hablich» und ofenwarm. Ihm fehlt, was Jean Paul «den Gegenfrost der Sprache» nennt: die samtpfötige Hinterlist der Ironie. Sie war bisher Werners Markenzeichen.
Mit Heinrichs Augen, «die braun und traurig waren und sehr lieb», blickt der Erzähler auf die verkommene Welt, eine Träne der Rührung im Knopfloch auch über die eigene Gegenwartsuntauglichkeit. Die Differenz zwischen heute und vorgestern kommt ihm gerade zupass, um den frivolen Niedergang unserer grell plakatierten Öffentlichkeit kräftig zu geisseln. Wie hätte Heinrich wohl auf einen «barschen und lärmigen» Slogan wie «kein Bums ohne Dings» reagiert, wie auf «zwei junge Frauen, die uns barbeinig, bauchnabelfrei und mit luftigen Brüsten entgegenkamen»? Vielleicht hätte er selig gestaunt, vielleicht höhnisch gelacht. Doch Markus Werner nimmt ihn in Sippenhaft:
«Ich will ihn, dachte ich, schnell an der Schulter berühren und ihm etwas Linderndes anvertrauen: Glaub mir, im Grunde fühlen wir uns ähnlich, wir Gegenwärtigen, und sind, von ein paar Wichtigtuern abgesehen, so belämmert wie du . . . Auch wir sind überfordert, lieber Heinrich, auch uns verschlägt die Welt die Sprache, die wir so dringend brauchten, um sie beschreibend entwirren zu können.»
In der Tat. So wird «der ägyptische Heinrich» zum Double und das Buch ein doppelt belichtetes Selbstbildnis mit Trauerrand allergisch gegen die Lautsprecherstimmen der Jetztzeit und vorbehaltlos «von einem anderen Epochenrhythmus infiziert».
Dagegen wäre an sich noch gar nichts zu sagen. Was die Lektüre jedoch zuletzt quälend macht, ist das verschmockte Vokabular, eine Sprache im Gehrock, die, historisierend und zierlich gedrechselt, alles mit Biedersinn infiziert, besonders die «Annäherung ans andre Geschlecht», auch Liebe genannt. Wo Frauen blühen und «sie war jetzt vierzig, sie war zum Anbeissen reif» den Herren der Schöpfung wie eine Frucht in den Schoss fallen, wo «stattliche» Männer «ihren Mann stehen» müssen und «etwas Verlässliches, hausväterlich Gemessenes» ausstrahlen, da ist die Welt noch einmal stubenrein. Wie war das damals zwischen Mann und Weib? Ja, richtig, «auf Tanzbelustigungen» kam man «sich langsam näher», auch winkte man täglich von Kammer zu Kammer herüber, bis sich der zage Held schliesslich ein Herz fasst und seine Liebste, «schön aufgewärmt von einem Kirschsack», in nämlicher Kammer besucht «und wie schlafarm und trunken war die erste Nacht, wie erlösend das Ende des Triebstaus». Auf dass daraus ein «gedeihendes Töchterchen» oder, warum nicht gar, «ein Kind der Liebe» entstehe, wie das damals eben so war.
Ja, damals war alles besser, auch wenn sich das Vokabular zwischendrin in die frühe Sexualpsychologie verirrt und wenn der Erzähler dem traurigen Heinrich bis nach Ägypten folgt, wo derselbe einst «massgeblich am Bau des Suezkanals beteiligt» gewesen sein soll, wenn er mehrfach und ohne Erfolg bei diversen Institutionen vorspricht und die Orte besucht, an denen sein Ahne seine Geschäfte in den Wüstensand setzte, dann hat man alsbald restlos begriffen, dass es nicht die Recherche eines Emigrantenschicksals im letzten Jahrhundert und auch nicht die Rekonstruktion der eigenen Herkunft ist, was den Autor umtreibt, sondern allein sein Ressentiment auf «die hysterische Botschaft der Effizienz» und das «entfesselte Werden», auch Fortschritt genannt, der, was sonst, mit dem Handy illustriert wird.
«Wer weiss heute noch, dass kein anderer als mein Ururgrossvater Hans Conrad Bluntschli das Examensbrötchen erfunden hat?» Gegenfrage: Wer will das heute noch wissen? Markus Werner mit schöner Folgenlosigkeit wird das von Buch zu Buch neu konstatiert ist einer der begabtesten Schriftsteller seiner Generation. Doch hat er bisher der «Froschnacht» des späten letzten Jahrhunderts bei aller Rückwärtsverliebtheit unerschrocken ins Auge geschaut. Man darf deshalb einigermassen befremdet sein, dass ausgerechnet dieses Genrebild aus einer untergegangenen Zeit auch über die Landesgrenzen hinaus so herzlich gelobt wurde. Das Aktenstudium der eigenen Herkunft verlangt einen kühlen Kopf und trockenen Witz. Werners Gang in die Archive seiner Vergangenheit aber ist im sentimentalen Stadium steckengeblieben.
Andrea Köhler
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.