Hera Linds Bücher waren Ende der 80er bis Mitte der 90 wirklich das Nonplusultra der locker-flockigen "Frauenromanchen". Ich habe ihre Bücher inhaliert, bis etwa zum 5. Danach ließ die Qualität merklich nach, bis die Romane schließlich ins Klatschzeitungsniveau abdrifteten und ich enttäuscht Abstand nahm.
Zum vorliegenden allerneuesten Roman "Der Überraschungsmann" kann ich nur sagen, dass er mir weitaus besser gefiel als das meiste, was Frau Lind in den vergangenen 5 oder 6 Jahren geschrieben hat. Allerdings auch nicht wirklich der Burner. Wobei man fairerweise sagen muss, dass ich eventuell auch nicht zur Zielgruppe gehöre: Mütter um die Mitte 40, deren Mann fremd geht.
Was mich an dem Buch gestört hat, war aber nicht so sehr die Thematik, sondern diese unglaublich hausbackene Darstellung. Der Plot: Der gutaussehende Arzt Volker lebt in 2. Ehe mit seiner Frau Barbara und den beiden gemeinsamen Töchtern in einer wunderschönen Villa am Rande des wunderschönen Salzburgs. Erzählt wird die Geschichte aus Barbaras Sicht.
Nebenan wird zu Beginn des Romans ein Fertighaus errichtet, in das zu Barbaras Freude und Volkers Missfallen ein Ehepaar einzieht. Lisa jung, blond und bildhübsche Sängerin. Sven älter, aber auch bildhübsch, blond und Hochseekapitän. Als solcher verabschiedet er sich dann naturgemäß auch bald wieder auf See - und Barbara, die einen Narren an Lisa gefressen hat, nimmt diese unter ihre Fittiche. Erst recht, nachdem die junge Nachbarin auch noch spontan schwanger wird.
Mich hat schon genervt, dass in jedem zweiten Satz beschrieben wurde, wie toll doch Lisa ist. So hübsch. Und so begabt. Und soooo nett!! Das wiederholt sich gebetsmühlenartig hunderte von Seiten, auf denen ansonsten leider auch nichts Wesentliches passiert. Über hunderte von Seiten malt Frau Lind das Bild der perfekten Bilderbuchfamilie, in die sich als Schmankerl noch die hübsche junge NachbarinFreundin integriert.
So plätschert das Buch vor sich hin, während man leider aus dem Klappentext schon genau weiß, wie der Hase läuft: Der brave Volker und die süße nette Lisa haben was miteinander. Mit anderen Worten: Die treuherzige und bis ins Mark langwelige und peplose Barbara wird über Jahre hinweg systematisch von ihrem Mann und ihrer Freundin belogen und betrogen.
Dieser Umstand wird im letzten Drittel umständlich enthüllt. Barbaras Gefühlslage und Reaktion wird nachvollziehbar und glaubwürdig beschrieben. Umso langweiliger war dann die Beschreibung ihrer Erfahrungen mit einer Art Selbsthilfegruppe für alle Lebenslagen. Diese hanebüchenen Kalendersprüche, die dort gedroschen werden, will kein Mensch hören.
Als man denkt, jetzt isses aber langsam mal gut, dreht die Autorin nochmal voll auf und lässt etliche weitere Leichen aus des braven Volkers Keller auftauchen. Das fand ich im Grunde spannend, kam aber leider zu spät. Nachdem das Buch zu zwei Dritteln sowieso nur aus Lobpreisungen auf die süße Lisa und den tollen Volker bestanden hat, war ich zwar froh, dass endlich auch mal was anders kam, aber es wirkte mehr wie ein Anhängsel.
Da ich auch den Schreibstil weder sonderlich lustig, noch innovativ fand, ist das Buch für mich absolut durchschnittlich.
Apropos innovativ: Frau Lind recycelt inzwischen die Namen ihrer Romancharaktere! Das fand ich persönlich ehrlich gesagt ziemlich schlecht. Ist der Aufwand zu viel, sich für die Figuren jedes Romans eine eigene Biographie und eigene Namen auszudenken?? Pauline, Charlotte, Justus, Emil - alles schon mal dagewesen in vorherigen Romanen. (Aber das nur am Rande, ist nichts, was das Buch besser oder schlechter macht.)