Den Überfall" habe ich mit großem Interesse gelesen und die interessanten Passagen parallel gegoogelt, um festzustellen, wie das andere sehen. Kurz auf den Nenner gebracht: Das Buch hat mich nicht weiter gebracht. Es ist so geschrieben, wie ich im Nachkriegsdeutschland an der Schule Geschichte erfahren habe: Deutschland ist an allem schuld, die anderen waren alle Waisenkinder und unsere Väter sind Bestien, die 6 Millionen Juden vergast haben. Wenn ich mich heute mit dieser Zeit befasse, dann will ich das gleiche nicht noch mal hören, sondern erwarte eine differenziertere Betrachtung, die zum Weltkrieg mittlerweile die notwendige Distanz hat. Ich bin jetzt in einem Alter, wo man über genügend eigene Erfahrung verfügt, und weiß, dass in der Politik die Argumente so gezimmert werden, dass sie am Schluss in das eigene Puzzle passen. Das Vae victis! (Wehe den Besiegten!) ist noch immer die Maxime der Sieger (sogar bei der deutschen Einheit war das so: nichts war gut an der DDR). Lügen gehören zum feinen Kriegshandwerk und das weiß man nicht erst seit den bushschen Massenvernichtungswaffen und dem geschmacklosen Fake mir den Inkubators. Die logische Kette wird immer ex-post gebastelt und sogar Augenzeugenberichte sind mit größter Vorsicht zu genießen - das sagt die Polizei. Die Amerikaner haben die Bedeutung der Psychologie als Kriegswaffe zuerst institutionalisiert. So war es der Auftrag an die Publicity and Psychological Warefare Unit" (später in Information Control Unit" umgetauft) Feindbilder zu kreieren (wie man heute sagen würde). Dazu Eisenhower: "We are told the American soldier does not know what he is fighting for. Now, at least, he will know what he is fighting against." Zu den Produkten dieser Einheit gehörten die Schrumpfköpfe und Lampenschirme aus Menschenhaut, um die Gräuel der Konzentrationslager anschaulich zu dokumentieren. Unvergesslich war für mich der Besuch des Konzentrationslagers in Dachau (da war ich vierzehn Jahre alt), als man mir die Kammern mit den Duschköpfen zeigte und mir erklärte, dass hier Menschen vergast wurden. Ich habe geweint und war erschüttert. Nach Jahren hat man zugegeben, dass dies alles nicht stimmte und die Gaskammern ein Fake waren. Heute hege ich Groll gegen diese Manipulateure, weil sie mich als Kind missbraucht haben. Jetzt weiß ich, dass das leichteste auf der Welt, was man finden kann, die Sündenböcke sind. Heute ist AlQaida an allem Schuld, damals waren es die Juden, die Polen oder die Nazis, je nach Indoktrination oder Weltanschauung.
Aber zurück zum Buch. Der Buchtitel stellt ja eigentlich klar, dass hier keine Überraschungen zu erwarten sind. Überfall (so steht es in Wikipedia) bedeutet im Militärwesen ein Unternehmen auf einen unvorbereiteten Gegner und so haben wir es auch in der Schule gelernt, dass der Weltkrieg mit dem Überfall auf Polen begann. Normalerweise liebe ich keine Fußnoten, aber bei diesem Buch hätte ich sie mir gewünscht, denn es ist schwer, Fakten und Meinungen des Autors auseinander zu halten. Aufgefallen ist, dass für Deutschland entlastende Dokumente oft als Vorwand oder Ablenkungsmanöver bezeichnet werden, die polnischen Aktionen hingegen immer Gnade in den Augen des Autors finden und wenn es mal nicht anders geht, dann wurde etwas unvorsichtigerweise" (was ist denn das für eine Wertung?) begangen, wie die schnelle Besetzung des Olsagebietes. Ich hätte mir gewünscht, dass die Zeit zwischen den Kriegen mal besser beleuchtet wird. Die mir als Schüler vermittelte Darstellung, hier der böse Hitler und außen rum nur die friedliebenden unschuldigen Lämmer, glaube ich aus den oben genannten Gründen einfach nicht. Ich kann mir vorstellen, dass das Verhältnis zu Polen in der Außenpolitik des Reiches - und nicht erst nach der Machtübernahme - die größten Probleme und Spannungen verursachte. Man muss sich vor Augen halten, dass Polen 1921 gerade die rote Armee vernichtend geschlagen und die Ostgrenze bis zu 250 km (nicht 150 km) östlich der Curzonlinie in sowjetisches Gebiet verschoben hat. Dieser so bedeutende Krieg wird im Buch nur einmal erwähnt und dann als Grenzkrieg" verniedlicht, als ginge es um den Mundatwald. Ein junger, wieder auferstandener Staat, der militärisch und politisch sehr erfolgreich war und sich nicht scheute, sich auch mit seinen Nachbarstaaten anzulegen (Deutsches Reich wg. Oberschlesien, Litauen wg. Wilna), strotzt nur so von Selbstbewusstsein. Kommen dann noch die richtigen Führungspersonen (ich scheue das Wort Führer), wie Józef Pi³sudski und Edward Rydz-mig³y, zwei Berufshaudegen, dazu, schlägt der Nationalchauvinismus schon seine Blüten, ähnlich wie in Deutschland nach den Gründerjahren des Reiches. Da liegt es schon auf der Hand, dass man die alten Staaten" mal ein bisschen aufmischen will.
Erstaunt hat mich, dass der Autor zumindest erwähnt, dass Pi³sudski bei den Franzosen für einen Präventivkrieg gegen Deutschland antichambrierte. Die Provinzposse mit der Westerplatte war so ein Test. Es waren kommunistische Arbeiter - nicht nur in Danzig, sondern auch in anderen Staaten, z.B. in England - die sich weigerten Kriegsgerät, das zum Kampf gegen die Sowjetunion bestimmt war, im Hafen zu leichtern. Nach dem Bau des Gdinger Hafens (er war moderner als der Danziger Hafen und hatte auch einen höheren Umschlag) bestand keinerlei Notwendigkeit für eine Hafenanlage auf der Westerplatte, aber es war militärisch-strategisch ein Sahnestückchen für die Kontrolle der Hafeneinfahrt von Danzig. Man hat den Völkerbund erfolgreich ausgetestet und die Danziger geärgert, die dort ihren Badestrand hatten. Dass dort Kampfhandlungen als erstes stattfinden würden, versteht man auch als militärischer Laie. Na Berlin" (nach Berlin) war kein hohles Wort und schon gar nicht der Ausdruck von Friedensliebe oder gutnachbarschaftlicher Einstellung. Auch im Umgang mit den jüdischen Mitbürgern haben sich die beiden Staaten nichts vorzuwerfen. Während der zweiten Republik in Polen Jude zu sein, war keine vergnügungssteuerpflichtige Angelegenheit. Das gleiche gilt auch für Demokraten. Mit dieser seltsamen Staatsform konnte man in Polen auch nichts anfangen. Mein Fazit: Die moralische Qualität der Mächtigen links und rechts der polnisch-deutschen Grenze hielt sich die Waage. Ich kann es auch anders ausdrücken: Alle in einen Sack, man hätte immer den richtigen chauvinistischen Strolch getroffen.
Das Dilemma der Historiker ist, dass die historische Forschung keine abweichende Meinung akzeptiert. Entweder plappert jeder das gleiche nach, oder man ist außen vor. Alle fühlen sich wohl in der Harmonie des historisch gesicherten Dreiklangs. Wer etwas anderes erforscht, der wird aus der Gemeinschaft der Mainstreamer ausgeschlossen und wird als Revisionist geächtet. Wenn man Jude ist, hat man es etwas einfacher. Obwohl man Jan T. Gross, einem amerikanischen Historiker jüdisch-polnischer Herkunft, beinahe den Prozess gemacht hätte, weil er das Massaker von Jedwabne mit den damals genannten 1.600 verbrannten Juden den Polen selbst und nicht der deutschen Wehrmacht angelastet hat. Es gab sogar eine Lex Gross" (§ 132a), die bis zu drei Jahren Haft vorsah, für jemanden, der öffentlich die polnische Nation der Teilnahme, Organisation oder Verantwortung für kommunistische oder nationalsozialistische Verbrechen bezichtigt." Dieses reziproke Holocaustleugnungsgesetz" wurde zwei Jahre später allerdings wieder aufgehoben. Hätte dies ein deutscher Historiker behauptet, wäre er geteert und gefedert worden. Aus diesem Grunde ist es auch siebzig Jahre nach dem Krieg unmöglich, objektive Forschungsergebnisse vorzulegen, die der schwarzweißen Reeducationdoktrin widerspricht. Wenn schon ein jüdisch-polnischer Historiker Schwierigkeiten bekommt, dann braucht ein deutscher Historiker erst gar nicht anzutreten. Der kann anschließend Taxi fahren, auch wenn die Quellen noch so gut wären. Der findet nie wieder eine Stelle - höchstens bei Ahmadinedschad, aber wer will da schon hin. Wer schön in den Gleisen des Reeducation bleibt, so manches Öl noch reinkippt, auch da wo keins ist, der macht Karriere. Den Verdacht, dass hier eigene Karriere vor wissenschaftlicher Akribie geht, kann ich für mich nicht entkräften. Feste druff, auf die, die am Boden liegen, so geht historische Forschung", die alle glücklich macht. Es will, kann und darf sich keiner mehr wehren. Nach Bühler war die Vernichtung beschlossene Sache. Dem Deutschen liegt das Zerstörerische quasi im Blut. Aber da ist Böhler nicht originell. Es erinnert mich fatal an den Blödsinn, den der DDR-Hofberichtshistoriker Horst Drechsler schon über den Genozid an den Hereros und Namas geschrieben und daraus abgeleitet hat, dass es bis zur Judenvernichtung nur noch ein kleiner Schritt war. Seine internationale Anerkennung war dadurch gesichert.
Mir persönlich tut es leid, dass ich in endlosen Debatten mit meinen Schwiegereltern, deren Einwände gegen mein Besserwissen", wie es zum zweiten Weltkrieg etc. kam, immer als reaktionär" oder faschistisch zurückgewiesen hatte. Die von ihnen geschilderten Gräuel hielt ich damals entweder für übertrieben oder schlichtweg für Schwachsinn. Es fehlte mir damals eine differenziertere Sichtweise. Die Nachkriegsumerziehung hatte gewirkt, was mir erst heute bewusst ist. Schade, dass die Chance, einer sachlichen Diskussion und Bewertung mittlerweile nicht mehr besteht.