Der Titel dieses Buches sagt bereits umfassend, worum es hier geht. Endlich sagt es mal jemand und widerspricht den Valium-Experten, die Menschen einfach unter Drogen setzen, statt ihnen wirklich zu helfen. Denn eines macht der Autor klar: Valium kann nicht heilen. Auch von sog. "endogenen" Depression, wie sie nur allzu häufig diagnostiziert wird, will der Autor nichts wissen. Er unterscheidet zwischen einem Leiden und einer Krankheit, entlässt damit jeoch nicht die Krankenkassen aus ihrer Verantwortung bei der Behebung depressiver Zustände, die für ihn krankheitswertig sind. Denn das Label "krank" ist heutzutage geradezu inflationär in Gebrauch.
Giger-Bütler, selbst Psychotherapeut, ist fest davon überzeugt: Depressive Verhaltensweisen sind in der Kindheit gelernt und nicht etwa angeboren. Sie können daher auch nicht jede oder jeden treffen, wie es leider im Volksmund heißt. Dieser Leidenszustand ist eine kindliche Reaktion auf Überforderungssituationen, auf die das Kind mit einem - damals offenbar angemessenen - Anpassungsverhalten reagiert und dieses im Verlauf des Lebens weiter ausgebaut hat. (38)
Bei dem Versuch, etwas gut und richtig zu machen wurde der falsche Weg eingeschlagen, der damals jedoch als der einzig möglich und richtige erschien. Diese Anpassung ist eine enorme Leistung. Sie wird offenbar nur von Menschen mit besonderen Fähigkeiten erbracht. Denn Depressive sind "Profis der Empathie". Sie bestehen aus Einfühlung, Verantwortung und Schuldgefühlen. (40) Sie können sich voll und ganz auf etwas und andere Menschen einlassen, sie können Kräfte mobilisieren, sich konzentrieren, und damit zu Lösungen gelangen, die anderen vielen Menschen verschlossen bleiben. Weil sie sich selbst zurücknehmen und anderen Raum geben, sind sie für hervorragende Förderer und Begleiter. (45)
Doch dann wurden sie Sklaven ihrer depressiven Entwicklung, Gefangene ihrer eigenen Überforderungsmuster. Denn was immer depressive Menschen machen, es genügt in ihren Augen nie. Sie haben die Reaktion der sie einst überfordernden Eltern und Erwachsen verinnerlicht - auf Kosten des eigenen Lebens und zum eigenen Schaden des späteren Erwachsenen. Nun sind sie depressiv, weil sie sich in diesen Überforderungsmustern eingerichtet haben -und zwar lange, bevor sie als depressive Muster für sie selbst und ihre Mitmenschen erkennbar wurden. (99) - Für alles haben sie Verantwortung übernommen - nur nicht für sich selbst.
Und genau an dieser Stelle muss die Therapie einsetzen, die Befreiung von falschen Lebensmustern und Reaktionsweisen. Nach der Bilanz: Gut gemeint und schlecht belohnt, (25) müssen Depressive lernen, ihr Leiden ernst zu nehmen wie eine Krankheit und sich selbst wichtiger als alles andere und alle anderen - auch und vielleicht gerade ihre Arbeit.
Denn Depressionen vermögen durchaus die Arbeitsfähigkeit der Betroffenen zu beeinträchtigen. Solange sie das noch nicht tun, spricht der Autor von einer latenten Depression, die das große Heer der Depressionen bilden. In diesem Zustand haben die Menschen noch die Kraft zu funktionieren und wären in der Lage, sich selbst zu heilen, indem sie ihre Einstellung ändern, sich selbst mehr Raum geben und achtsam mit sich selbst und den eigenen Bedürfnissen umgehen. Ja, vielleicht erst einmal herausfinden, was und wer ihnen wirklich gut tut
Erst wenn keine Kraft mehr da ist, wenn alles Sich-Zusammenreißen nicht mehr funktioniert, kommt es zu einem physischen und psychischen Zusammenbruch - und damit zum Durchbruch der manifesten Depression. Die Menschen bedürfen in diesem Fall nicht nur der Krankschreibung - auch wenn sie nicht wirklich krank sind -, sondern auch der Hilfe von außen.
Hier muss deutlich werden, dass die depressiven Muster in ihrer ganzen Beschränktheit und Einseitigkeit dennoch Leitplanken waren und somit Garanten für das eigene Überleben in einer fordernden Umwelt, gegen die sich das Kind nicht wehren konnte. Der erwachsene Mensch aber muss und kann lernen, sich dagegen zur Wehr zu setzenund diese einst sicheren Leitplanken aufzugeben und sie durch neue zu ersetzen.
Wer sich über Jahre überfordert, auslaugt und erschöpft, ist gezeichnet - muss aber auch dafür die Verantwortung übernehmen und begreifen, dass er allein sich selbst die oder der Nächste ist und nur selbst dafür Sorge tragen kann, dass ihr oder ihm neue Energien zufließen
"Eine schweizerisch-deutsche Studie zeigt, dass depressive Menschen bessere Entscheidungen treffen können als gesunde Menschen." (45)
Diese Fähigkeiten müssen Depressive nun für sich selbst verwenden und herausfinden, was ihnen gut tut und was nicht. Sie müssen lernen, sich an ihren neuen Leitplanken auszurichten und sich damit genau so sicher fühlen wie einst mit den alten.
Der Autor macht keinen Hehl daraus, dass es sich dabei um einen langwierigen Prozess handelt. Denn in der Tat ist es nicht leicht, sich von Mustern zu befreien, die einst ohne Rücksicht auf Verluste die depressiven Muster geschaffen, bedient und gefestigt haben. Muster, die dabei auch noch als hilfreich erlebt wurden, weil sie die Bedürfnisse anderer Menschen befriedigten, von deren Wohlwollen das Kind einst abhängig war.
Dieses System muss zum Zusammenbruch gebracht werden, möglichst bevor der depressive Mensch selber zusammenbricht. - Und genau dazu könnte dieses Buch einen wichtigen Beitrag leisten.
Es ist gut leserlich geschrieben und kommt ohne den üblichen Fachjargon aus. Nur sind der Wiederholungen für meinen Geschmack zu viele. Weniger hätten's auch getan. Anderen mögen sie aber durchaus helfen.