Eine Biographie die nicht nur das Leben der Heiligen beschreibt, sondern auch das gesamte Umfeld, die Zeit, andere bedeutende Menschen des Mittelalters, die Teil der Geschichte wurden und nicht nur ihre Zeit beeinflussten. Ich hatte das Buch zur Hand genommen, weil mich eine ganz bestimmte Zeit interessierte, aber einmal angefangen, fand ich mich nicht in der Lage bis zur Mitte weiterzublättern, sondern habe das Buch wirklich Wort für Wort, Fakt für Fakt und Zitat für Zitat durchgelesen. Stil und Art von Fr. Beuys über Hildegard zu schreiben zog mich einfach rein. Hildegard wird nicht als "abgehobene" und über allen Dingen stehende Heilige beschrieben, sondern als kluge Frau, die sich noch klüger und zugleich liebevoll den damaligen herrschenden Verhältnissen in einer von Aberglauben und Männern dominierten Welt zurechtfand und ihren Platz einnahm und von allen gleichermaßen geschätzt und respektiert wurde. Die Rückschlüsse der Autorin auf den Charakter der Heiligen sind faszinierend und einfühlsam, überraschen oft und bringen wirklich die Frau und den Menschen Hildegard von Bingen in den Mittelpunkt.
Sehr interessant, weil gerade dieser Aspekt sonst nicht so leicht in einem Geschichtsbuch zu finden ist, wurde die Entwicklung der Frauenklöster beschrieben. Von der Rückzugsmöglichkeit im Kloster für (meist) adelige Frauen, die ein religiöses Leben ohne Familie führen wollten, ging die Entwicklung dahin, dass die Nonnen immer mehr und mehr von der Umwelt abgeschirmt wurden. Waren die Frauenklöster anfangs noch als Doppelklöster geschaffen, so wurden diese im Laufe des 12. Jahrhunderst weigehend getrennt. Interessant fand ich diesen Fakt deshalb, weil Hildegard noch eine Vertreterin der "alten Ordnung" war, die mit geistlichen und weltlichen Menschen aus dem damaligen Europa korrespondieren konnte. Aber diese Frau hatte dank des durch den Papst anerkannten Prophetentums ja überhaupt eine besondere Stellung inne.
Dieses Buch zählt für mich zu den besten Biographien, die ich jemals in der Hand hatte.