Kurzbeschreibung
Brighton an einem nasskalten Dezembertag: Der erfolglose Schauspieler Toby Flood wird von seiner von ihm getrennt lebenden Frau Jenny um Hilfe gebeten: Ein Mann verfolge und beobachte sie. Toby geht der Sache nach und findet rasch heraus, dass der Mann es in Wahrheit auf Jennys neuen Freund, den reichen Unternehmer Roger Colburn abgesehen hat, dem der Unbekannte die Schuld am Tod seines Vaters gibt. Toby möchte diese Vorwürfe gegen Roger benutzen, um Jenny wiederzugewinnen - und gerät dabei selbst in eine gefährliche Geschichte um Hass, Neid und böse Familiengeheimnisse...
Klappentext
Sunday Telegraph
"Robert Goddard ist ein meisterhafter Geschichtenerzähler."
Publishing News
"Robert Goddard schreibt Bücher, für die man sich gerne eine Nacht um die Ohren schlägt."
Brigitte
Über den Autor
Auszug aus Denn ewig währt die Schuld von Robert Goddard. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Was ich empfand, als ich heute Nachmittag aus dem Zug stieg, traf mich völlig unvorbereitet. Dabei war schon die Fahrt so entsetzlich öde gewesen, wie es an einem Dezembersonntag wohl nicht zu vermeiden ist.
Von den anderen haben es fast alle vorgezogen, über London anzureisen, und werden erst morgen hier eintreffen. Ich hätte mich ihnen anschließen können, entschied mich aber stattdessen für den Regionalzug der South-Central-Gesellschaft die Küste entlang. So bekam ich reichlich Gelegenheit, mein Innenleben zu analysieren, während eine endlose Reihe von tristen Hintergärten an dem verschmierten Fenster vorbeizog. Natürlich war mir längst klar, warum ich London mied. Ich wusste genau, warum grelle Lichter und lärmende Gesellschaft nicht zu den Dingen gehörten, die der Arzt mir verschrieben hat. Die Wahrheit ist, dass ich es vielleicht gar nicht nach Brighton geschafft hätte, wenn ich in die große Stadt geflohen wäre. Womöglich hätte ich mich sogar eine Woche vor Schluss aus dieser von Tag zu Tag hoffnungsloseren Tournee ausgeklinkt und es Gauntlett überlassen, mich zu verklagen, sofern er sich dazu hätte aufraffen können. Aus diesem Grund habe ich das einzige Verkehrsmittel gewählt, bei dem ich sicher sein konnte, dass es mich hierher bringen würde. Und das hat es getan. Jetzt bin ich da. Verspätet, durchgefroren und deprimiert. Aber da. Und dann, als ich den Fuß auf den Bahnsteig setzte
Meine Gefühle bei der Ankunft sind der Grund, warum ich jetzt in dieses Gerät spreche. Ich kann sie nicht richtig benennen. Nervosität war es streng genommen nicht. Lampenfieber ebenso wenig. Nicht einmal eine Vorahnung. Wohl eher ein wenig von allem. Ein Kitzel, ein Prickeln, ein kalter Schauer den Nacken hinunter, eine Gänsehaut. Dass in Brighton etwas anderes als eine ausgedehnte große Enttäuschung meiner harrte, war wirklich nicht zu erwarten. Doch schon jetzt, noch bevor ich das Drehkreuz zur Bahnhofshalle passiert hatte, spürte ich mit einer an Gewissheit grenzenden Intensität, dass sich ein Empfang zusammenbraute, der noch mehr als all das für mich bereithielt. Dieses Mehr konnte ein gutes oder schlechtes Vorzeichen sein, war aber in jedem Fall allem anderen vorzuziehen.
Meinen Gefühlen traute ich natürlich nicht. Wie auch? Jetzt sehe ich das allerdings anders. Denn es hat bereits angefangen. Vielleicht hätte ich früher begreifen sollen, dass diese Tournee eine Reise ist. Und das eigentliche Ziel der Reise das ist, was ich jetzt mache.
Das mit dem Tonband war die Idee meiner Agentin. Na ja, eigentlich schwebte ihr eher ein Tagebuch vor damals, in jenen herrlichen Sommertagen, als dieser Ackergaul von Theaterstück noch wie ein Vollbluthengst aussah, der endlos laufen würde, und die bloße Aussicht auf eine Chronik der Ereignisse einen Lunch im River Café wert war. Moira dachte an so etwas wie die Aufzeichnung eines Prozesses, bei dem die Schauspieler an ihrer Rolle feilen und die tieferen Schichten des Textes entdecken, ehe sie damit in London im West End auftreten. Wie sie das sah, war eine Fortsetzungsgeschichte in einer Zeitung denkbar, sozusagen als Dreingabe zu den zweitausend pro Woche, die mir Gauntlett mittlerweile mit wachsendem Widerwillen zahlt. Der Vorschlag klang gut (wie so vieles von dem, was Moira sagt). Davon motiviert, kaufte ich mir dieses kleine Aufnahmegerät zu einer Zeit, als mir noch die schönsten Luftschlösser durch den Kopf spukten. Und darüber bin ich jetzt froh.
Allerdings ist es mehr oder weniger das erste Mal, dass ich die Sache so sehe. Eigentlich hatte ich das Tagebuchprojekt aufgegeben, bevor ich überhaupt daran arbeitete. In Guildford, wo unsere stolze Produktion im Yvonne Artaud Theatre ihre Weltpremiere erlebte, hätte es damit losgehen sollen. Ist das erst neun Wochen her? Es kommt mir eher vor wie neun Monate, die Zeitspanne einer schwierigen Schwangerschaft in unserem Fall eine, bei der eine Totgeburt von Anfang an beschlossene Sache war, nachdem wir von Gauntlett erfahren hatten, dass sich das Gastspiel im West End wohl zerschlagen würde. Jetzt danke ich Gott für die Weihnachtssaison mit den alten Pantomime-Stücken auf praktisch jeder Bühne, denn sonst wäre er vielleicht noch versucht gewesen, uns in der Hoffnung auf irgendein Wunder weiter durch das Land tingeln zu lassen. Wie die Dinge stehen, fällt nächsten Sonntag der Vorhang, und zwar wahrscheinlich für immer.
Dabei hätte es gar nicht so kommen müssen. Als letztes Jahr bekannt wurde, dass ein bis dahin unbekanntes Stück des früh verstorbenen und allseits geschätzten Joe Orton entdeckt worden war, galt es weithin schon deshalb als Meisterwerk, weil es ihm zugeschrieben wurde. Brauchte man da noch triftigere Beweise? Das war schließlich der Mann, dem wir "Seid nett zu Mr. Sloane", "Beute" und "Was der Butler gesehen hat" verdanken. Zugleich war das auch der Mann, der sich mit seinem vorzeitigen Tod einen Ruf als anarchisches Genie sicherte, als ihn sein Liebhaber Kenneth Halliwell im August 1967 in ihrer gemeinsamen Wohnung im Londoner Stadtteil Islington umbrachte. Dank seiner Biografie und seiner gesammelten Tagebücher, die ich überallhin mitschleppe, habe ich die wichtigen Fakten über sein außergewöhnliches Leben immer parat. Ich dachte, das würde mich inspirieren. Ich dachte alles Mögliche. So richtig geklappt hat nichts davon.
Das Manuskript des Stücks "Das Mietverhältnis" wurde von einem Klempner im Flur von Ortons und Halliwells Wohnung unter den Bodendielen entdeckt. Ich stelle mir vor, dass Orton sich über die Umstände dieses Fundes königlich amüsiert hätte. Vielleicht hat er es dort sogar als Spaß platziert. Oder aber das ist die Theorie, zu der ich neige Halliwell verbarg es in der letzten Phase seines geistigen Verfalls, nicht lange, bevor er Orton mit einem Hammer den Kopf zertrümmerte und sich selbst mit einer Überdosis Nembutal das Leben nahm. Orton-Experten datieren das Stück auf den Winter 1965/66. Ihrer Einschätzung nach verwarf er es, als das Stück "Beute" nach einer verheerenden ersten Laufzeit wiederbelebt wurde. Wenn ich es recht bedenke, ähnelte diese Tournee auf gespenstische Weise meinen Erfahrungen mit dem Ensemble, in dem ich seit Herbstbeginn die Hauptrolle spiele. Im zweiten Anlauf schaffte "Beute" allerdings den Durchbruch, weil Orton quicklebendig war, mitarbeitete und bereit war, es zu modifizieren. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass er jetzt nicht greifbar ist, um das Stück "Das Mietverhältnis" zu retten, das er in den Orkus (oder unter die Bodendielen) beförderte, um sich wieder "Beute" widmen zu können. Wir sind auf uns selbst gestellt. Und das merkt man der Produktion auch an.
Jetzt ist aber genug über das Stück geredet worden. Seine Möglichkeiten und seine Probleme haben wir im Ensemble bis zum Erbrechen analysiert. Es hätte meine Karriere wieder auf die Erfolgsspur führen oder zumindest vom Abstellgleis herunterholen sollen, auf das ich vor ein paar Jahren auf mir unerklärliche Weise abgeschoben wurde. Ich bin der Mann, der gute Aussichten hatte, der neue James Bond zu werden, als Roger Moore aufhörte. Selbst mir fällt es heute schwer, das zu glauben, obwohl ich genau weiß, dass es stimmt. Genauso wahr ist: Man merkt erst dann, dass es nicht mehr nach oben geht, wenn der Abstieg bereits begonnen hat.
Natürlich gibt es jede Menge von Anzeichen, vorausgesetzt, man ist klug genug, sie zu bemerken, oder bereit, sich darauf einzulassen. Mein Name steht auf dem Plakat ganz oben und wird darum auch mit dem Flop verbunden. Martin Donahue dagegen, der die Rolle meines jüngeren Bruders spielt, hat es irgendwie geschafft, trotz der katastrophalen Saison so viele Lorbeeren einzuheimsen, dass beim nächsten Mal er, nicht ich, die Hauptrolle bekommen würde, sollten wir jemals wieder zusammen auftreten wogegen ich mich allerdings mit Händen und Füßen wehren würde. Es gab mal eine Zeit, als Mandy Pringle, unsere ehrgeizige zweite Inspizientin, immer erst mich und nicht Donahue ins Auge fasste. Diese Zeit ist vorbei. Noch nicht lange, aber trotzdem vorbei. Vielleicht freuen die anderen sich auf eine Woche in Brighton. Keiner von ihnen wird sich vorstellen können, dass ich mich nach unserer Woche in Sussex-by-the-Sea sehne. Erstaunlich, aber es ist wirklich so. Im Augenblick zumindest.
In Poole hat es gestern die ganze Nacht geregnet. Und als ich heute Morgen in den Zug stieg, goss es immer noch. Brighton muss die Sintflut ebenfalls abbekommen haben, aber als ich den Bahnhof verließ, war es trocken. So trottete ich in einem milden grauen Dämmerlicht die Queens Road zum Meer hinunter, das wie eine dunkelgraue Schieferplatte dalag. Ich hatte meine düstere Vorahnung längst verdrängt und mich damit abgefunden, dass mir sechs harte, freudlose Tage bevorstehen. Der Gedanke, sie in welcher Form auch immer zu protokollieren, lag zu diesem Zeitpunkt in weiter Ferne.
Ich bog in die Church Street ein, die zwar nicht die kürzeste Strecke zu meinem Ziel darstellte, mir aber einen kleinen Umweg zur New Road, vorbei am Theatre Royal mit seiner vertrauten historischen Fassade gestattete. Auf dessen alten Brettern soll ich nun mein viertes Engagement erfüllen, und nur zu gerne würde ich die kommenden acht Aufführungen von "Das Mietverhältnis" gegen jeden x-beliebigen meiner früheren Auftritte tauschen.
Ich blieb vor dem Plakat stehen und musterte es eingehend. Ich wollte wissen, ob ich in den drei Monaten, seit dieses Foto von mir aufgenommen worden war, sichtbar gealtert bin. Das war allerdings schwer zu beurteilen, nicht zuletzt deshalb, weil ich mich in letzter Zeit nie lange im Spiegel betrachtet habe. Doch das Plakat zeigte eindeutig mich. Und zum Beweis stand mein Name darunter, zusammen mit denen der anderen. Leo S. Gauntlett präsentiert DAS MIETVERHÄLTNIS von JOE ORTON. Besetzung: Toby Flood, Jocasta Haysman, Martin Donahue, Elsa Houghton und Frederick Durrance. Abendvorstellungen Montag, der 2., bis Samstag, der 7. Dezember: 19 Uhr 45. Matineen: Donnerstag und Samstag 14 Uhr 30. Ein Teil meiner selbst wünschte sich nichts sehnlicher, als Abgesagt quer über dem Plakat prangen zu sehen. Aber das stand nicht da, und es wird auch nicht dort auftauchen. Unser Stück wird gespielt. Ich muss da durch. Bis zum Wochenende.
Ich hielt mich nicht lange auf. Vorbei am Royal Pavilion ging ich weiter, erst die Old Steine entlang, dann weiter zur St. Jamess Street in Richtung Osten. Das Sea Air Hotel in der Madeira Place, einer von mehreren Brightoner Straßen, in denen sich bis zur Marine Parade hinunter ein Gästehaus an das andere reiht, ist weder die eleganteste noch die billigste Pension, aber eine schauspielerfreundlichere Wirtin als Eunice lässt sich kaum denken, zumal sie bereit ist, das Haus mir zuliebe später als geplant für den Winter zu schließen. Weil es mit unserer Tournee immer rasanter bergab geht und die Aussichten für die unmittelbare Zukunft trüb sind, spare ich schon mal an der Unterkunft. Wenn kein Ruhm zu ernten ist, soll wenigstens noch ein bisschen von dem Lohn für meine Mühen übrig bleiben. Aber wahrscheinlich hätte ich mich auch so für Eunice entschieden, bietet das Sea Air doch neben dem Preis eine ganze Reihe entscheidender Vorteile. Der im Augenblick wichtigste ist der Umstand, dass dort außer mir keiner von den anderen absteigen wird. Darauf hat mir Eunice ihr Wort gegeben. »Eine Reisegruppe würde mich total überfordern, Toby. Das ständige Kommen und Gehen. Und pausenlos läuft Badewasser. Mit dir allein bin ich vollauf zufrieden.«
Bisher bin ich immer nur außerhalb der Saison hier gewesen und habe das Speisezimmer mit den Geistern der Sommerurlauber geteilt. Dank Eunices gelassenem Naturell und ihrer Abneigung gegen Lärm jeder Art geht es in ihrem Haus stets friedlich zu. Selbst Binky, ihre Katze, hat gelernt, nicht allzu laut zu schnurren.
Komplett mit Hochzeits- und Verlobungsringen ist Eunice eigentlich Mrs. Rowlandson, aber Mr. Rowlandson ist ein Thema, das nie angeschnitten wird. Dass er einmal existiert hat, darf vermutet werden, über sein Schicksal ist jedoch nichts bekannt. Mit einiger Berechtigung ließe sich feststellen, dass Eunice ihre Ringe selbst dann nicht abstreifen könnte, wenn sie wollte. Sie ist keine dünne Frau. Und momentan noch weniger dünn als je zuvor.
Aus Eunices im Souterrain gelegenen Privatwohnung wehte der Geruch von frisch Gebackenem herauf, als sie mich durch den mit Wollfasertapete geschmückten Flur und weiter die mit Axminster-Teppich ausgelegte Treppe hinauf in den ersten Stock zum besten Gästezimmer bugsierte. Mein Stammzimmer, wenn man so will. Seine Einrichtung erinnert an ein Jugendstilmuseum, und das Erkerfenster bietet einen Blick auf seinen armseligen Zwilling gegenüber.
Eunice sah mir von der Tür aus zu, wie ich meine Reisetasche abstellte und so das lautlose Willkommen des Zimmers erwiderte. »Möchtest du Tee?«
»Das wäre toll«, antwortete ich.
»Und Kuchen dazu? Du siehst aus, als müsstest du dringend zu Kräften kommen.«
Damit hatte sie Recht. »Kuchen wäre auch großartig. Ach, hast du vielleicht noch den Argus von gestern, Eunice?«
»Griffbereit sogar. Aber du wirst nicht viel finden, das dich interessieren könnte.«
»Mir geht es ja nur um das Kinoprogramm. Irgendein guter Film wird heute Abend schon für mich laufen.«
»Hm.« Sie machte ein zweifelndes Gesicht.
»Stimmt was nicht?«
»An deiner Stelle würde ich mir nichts vornehmen.«
»Warum nicht?«
»Heute hat jemand angerufen und wollte dich sprechen.«
Das verwirrte mich. Diejenigen, die wissen, wo ich abgestiegen bin, hätten doch bestimmt meine Handynummer gewählt. »Wer?«, fragte ich.
»Deine Frau.«
»Meine Frau?«
Das wurde ja immer rätselhafter. Technisch gesehen sind Jenny und ich tatsächlich noch verheiratet, aber nur deshalb, weil unsere Scheidung erst in einem Monat amtlich wird, sofern einer von uns dies beim Gericht beantragt. Da der Landsitz danach klingt »Wickhurst Manor« nun mal in meinen Ohren von Jennys Zukünftigem nur wenige Meilen nördlich von Brighton liegt, habe ich mich während der Zugfahrt mehrmals bei dem Gedanken ertappt, ob Jenny vielleicht eine unserer Vorstellungen besuchen wird, mir dann aber gesagt, dass sie wohl Distanz wahren wird. Bestimmt wird sie meine Anwesenheit in Brighton aus ihrem Bewusstsein verdrängen, habe ich mir gedacht. Anscheinend ist das nun doch nicht der Fall.
»Jenny hat hier angerufen?«
»Ja.« Eunice nickte. »Sie will dich sehen, Toby.«
Es ist Zeit, die Karten auf den Tisch zu legen. Es ist Zeit zu erklären, was ich seit langem weiß. Ich liebe meine Frau. Meine baldige Ex, heißt das. Ich habe sie immer geliebt. Nur habe ich das nicht immer richtig anerkannt oder mich entsprechend verhalten. Die Ehen von Schauspielern sind wie wohl auch die Mimen selbst berüchtigt für ihre Unbeständigkeit. Wir vergessen bisweilen, wo die Rolle aufhört und das eigene Ich anfängt. Wenn uns keine Rolle vorgegeben ist, erschaffen wir manchmal eine. Weil wir es gewohnt sind, zu interpretieren und nicht neu zu gestalten, ist es eine Figur aus dem gängigen Bestand: zum Beispiel der Frauenheld, der viel trinkt, schnell fährt und ewig einem Rausch, egal welcher Art, nachjagt. Es ist leichter, auch im echten Leben eine Maske zu tragen, weil man sich vor dem fürchtet, was darunter zum Vorschein kommen könnte.
Darin liegt nur eines der Probleme zwischen Jenny und mir. Die Ironie des Schicksals hat es gewollt, dass dieses Problem zu denjenigen gehört, die sich im Laufe der letzten Jahre von selbst erledigt, um nicht zu sagen, erübrigt haben. Inzwischen kenne ich mich vielleicht sogar zu gut. Aber meine Selbstfindung ist etwas zu spät gekommen. Man sollte eben mit der Selbstfindung nicht warten, bis man kurz vor der Vollendung eines halben Jahrhunderts steht. Na gut, besser spät als nie, denke ich, auch wenn manche das vielleicht anders sehen.
Wir hätten es noch schaffen können, denke ich trotz aller Seitensprünge und Streitereien, trotz der verlorenen Wochenenden und gebrochenen Versprechen , wäre nicht etwas geschehen, womit keiner von uns rechnen konnte: einen Sohn zu bekommen und ihn zu verlieren. So. Jetzt habe ich auch das verraten. Er hieß Peter. Er lebte viereinhalb Jahre lang. Dann war er tot. Ertrunken in einem übergroßen Swimmingpool, passend zu einem übergroßen Haus, das zu dem Lebensstil gehörte, den wir glaubten, pflegen zu müssen.
Wir gaben uns gegenseitig die Schuld. Völlig zu Recht. Aber wir hätten die Schuld teilen und nicht darum streiten sollen. Man kann die Vergangenheit nicht ändern. Vielleicht kann man die Zukunft genauso wenig ändern. Aber die Gegenwart kaputtmachen, das kann man. Oh ja. Die kann man gründlich zugrunde richten.
Als Jenny mich verließ, sagte ich mir, so sei es am besten. Plattitüden wie »Höchste Zeit, die Vergangenheit hinter uns zu lassen« kamen regelmäßig über meine Lippen. Möglicherweise habe ich sogar daran geglaubt. Eine Zeit lang zumindest.
Jetzt aber nicht mehr. Ich hätte sie nicht gehen lassen dürfen. Ich hätte mich anders verhalten sollen. Völlig anders. Im Nachhinein weiß man alles besser. Da sieht man die Wahrheit.
Und die traurige Wahrheit ist, dass ich nichts tun kann, um den Schaden, den ich angerichtet habe, wieder gutzumachen. Es gibt kein Zurück. So habe ich es jedenfalls immer gesehen. Bis heute Abend.
Jenny hatte Eunice eine Handynummer gegeben. Als ich anrief, ging sie sofort dran. Statt eines Grußes brachte ich nur »Ich bins« hervor.
»Es hat dich bestimmt überrascht, von mir zu hören«, erwiderte sie nach einer langen Pause.
»Das kann man wohl sagen.«
»Können wir uns treffen?«
»Wann habe ich je Einwände gegen einen solchen Vorschlag gehabt?«
Ich hörte sie seufzen. »Können wir?«
»Ja. Natürlich.«
»Heute Abend?«
»Von mir aus.«
»Du hast Zeit?«
»Was glaubst du?«
Ein neuerlicher Seufzer. »Geht das schon wieder los! Es hat keinen Sinn, wenn du
«
»Ich werde mich ganz nach dir richten, Jenny. Okay?« Ich hätte sie fragen können oder vielleicht sollen , warum sie mich treffen wollte. Aber dazu hatte ich nicht den Mut. »Wo und wann?«