Es ist einige Jahre her, dass ich die ersten Romane mit Inspektor Ochajon gelesen habe. Was sich in diesen ersten Büchern schon andeutete, setzt sich in „Denn die Seele ist in deiner Hand" fort. Kurz nach Beginn der zweiten Intifada 2001 spielt dieser Roman, in dem eine junge Frau mit zerschmettertem Gesicht aufgefunden wird und ein kleines Mädchen als wichtige Zeugin plötzlich verschwindet.
Der Fall entwickelt sich, aber viel stärker als zuvor beschreibt Gur ihre Figuren auf dem Hintergrund der israelischen Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts, die geprägt ist von tiefen Spaltungen zwischen Juden und Palästinensern, frommen und säkularen Juden, Aschkenasim( Juden europäischer Abstammung) und Juden aus dem arabischen Raum. Diese Spaltungen spiegeln sich auch im Ermittlungsteam, das trotz aller Schwierigkeiten schlussendlich zum Erfolg kommt.
Wen zum Teil sehr detaillierte Schilderungen von innerjüdischen und innerisraelischen Skandalen nicht abschrecken, wen der Zustand der israelischen Gesellschaft mitten in der zweiten Intifada interessiert, wer zudem wissen will, wie die Geschichte von Michael Ochajon und seinem Team weitergeht, dem sei dieser Roman sehr empfohlen. Hauptsächlich für ein innerisraelisches und jüdisches Publikum geschrieben, leidet das Buch allerdings daran, dass die Dialoge oft zu ausufernd gestaltet sind und dass die neue Übersetzerin nicht immer ein glückliches Händchen hatte.
Ein Kriminalroman der Extraklasse, dem es gelingt, dem Leser ein Gefühl und Verständnis für die soziale und sozialpsychologische Situation seines Herkunftslandes zu vermitteln. Eine Qualität, die manch anderem Krimi zu wünschen wäre.