Buchnotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.11.2002
Der Titel, den Hannah Arendt selbst ihren Aufzeichnungen gegeben hat, trügt nicht. Man wird, wie der Rezensent Andreas Platthaus sogleich klärt, in den nun veröffentlichten Heften des "Denktagebuchs", die den Zeitraum von beinahe einem Vierteljahrhundert umfassen, kaum einmal Privates finden - statt dessen eben Studien und Vorstudien philosophischer Art. Und es sind hier durchaus aufregende Funde zu machen, zu fast allen ihren Werken lässt sich auf diesen Seiten, so Platthaus, die "Keimzelle" finden, mit einer charakteristischen Ausnahme: dem Buch "Eichmann in Jerusalem". Diese Lücke bezeichnet nach Ansicht des Rezensenten die Konfrontation mit der "Banalität des Bösen" als "lebensgefährlichen Einschnitt in ihr philosophisches Denken". So bedeutsam das nun veröffentlichte "Denktagebuch" für die Auseinandersetzung mit der Denkerin Arendt ist: das Zustandekommen war, wie Platthaus zu berichten weiß, jahrelang gefährdet. Und leider ist, wie er leise beklagt, die Kommentierung nur "überwiegend" gelungen - die Mängel im Detail sind freilich nicht mehr als ein "Wermutstropfen".
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Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 12.11.2002
Rezensent Jürgen Busche zeigt sich recht zufrieden mit dem von den "vorzüglichen" Herausgeberinnen Ursula Ludz und Ingeborg Nordmann edierten "Denktagebuch" Hannah Arendts. Zwar hätte er sich eine etwas populärere, weniger für die Spezialisten gedachte Ausgabe gewünscht, aber er räumt ein, dass das Interesse, das Hannah Arendts Schriften bei zahlreichen jungen Akademikern in den letzten Jahren gefunden hat, " eine solche Ausgabe auch aktuell als nützlich erscheinen" lasse. So gestatten Arendts Denktagebücher nach Einschätzung des Rezensenten "gewisse Einblicke" in ihre Denkweise, die manche schwierige, umstrittene These der Philosophin und ihre historische Einordnung erhellen können. Neben Gedanken zu Platon, Marx, Heidegger, Jaspers und anderen, enthält das Denktagebuch laut Busche auch persönliche Einträge sowie poetische Reflexionen. Zwar denke und schreibe die Autorin deutsch, trotzdem fänden sich viele Passagen in Altgriechisch, Lateinisch, Französisch und Englisch. Obwohl alles "gut übersetzt" und "reichlich erläutert" sei, wie Busche lobend erwähnt, befürchtet er, dass die unterschiedlichen Sprachen manchem Leser die Lektüre verleiden könnte. Was Busche bedauern würde, schließlich enthielten die Bände "viele Beobachtungen und Bemerkungen, die ein gebildetes Publikum interessieren können, das nicht gewillt und nicht fähig ist, den Gedanken der Philosophin in die Tiefen und Weiten der gelehrten Ausflüge zu folgen."
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Buchnotiz zu : Die Zeit, 14.11.2002
Eine sehr kraftvolle, kenntnisreiche und klar argumentierende Besprechung von Barbara Hahn: sie würdigt das Denktagebuch Hannah Arendts als eine Art des Schreibens, dem es nicht um "Themen" geht, sondern um das Denken selbst. Damit verwirft Hahn alle Versuche, diesen Text womöglich als Steinbruch für diese oder jene Auffassung von Hannah Arendt zu benutzen. Zwar trägt sie durchaus Zitate vor, die man zum Anlass nehmen könnte, etwas neu zu überdenken, darunter eines, in dem es um das "Denkverhältnis von Arendt und Heidegger" geht. Aber der Hauptaugenmerk der Rezensentin gilt der Tatsache, dass hier "im Denken", "das Ich mit sich selbst" spricht. "Hier stehen fertige Sätze. Präzise und schmucklos." Manches könnte in einem Text, der sich um Vermittlung an ein großes Publikum bemüht - ein wissenschaftliches oder politisches -, nicht stehen bleiben. Genau darin aber sieht Hahn die Größe dieser Texte: sie wohnen im "zeitlosen Raum des Denkens". Dabei sieht sie dieses Denken als "dialogisches", und findet wunderschöne Zitate beispielsweise zur Liebe. Sie mokiert sich auch nicht über die Gedichte der Philosophin, in denen, so Hahn, ein "Ich auch seine Furcht" artikuliert: "vor dem Fremden, das im Denken auf es zukommt". Ihre Besprechung schließt mit einem hohen Lob für die Herausgeberinnen, durch deren Nachwort Hahn etwas Entscheidendes freigelegt sieht: "das hartnäckige, manchmal verzweifelte Bemühen einer Intellektuellen, eine angemessene Denk- und Schreibweise für die Zeit nach dem Traditionsbruch zu finden."
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Ein großartiges Dokument unabhängigen Denkens
Von 1950 bis 1975 hat Hannah Arendt ein "Denktagebuch" geführt und so versucht, ihr Jahrhundert denkend zu bewältigen. Die sorgfältig kommentierte Edition wurde lang erwartet. Sie ist unentbehrlich für alle Arendt-Leser und für Bibliotheken.Im Sommer 1950 vollendete Hannah Arendt ihre große Arbeit über die "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft". Gleichzeitig begann sie damit, handschriftlich Aufzeichnungen in ein Tagebuch einzutragen. Gegenüber Freunden sprach sie von ihrem "Denktagebuch". In der Tat haben die 28 vollständig erhaltenen Hefte kaum etwas mit einem herkömmlichen Tagebuch gemein. Sie enthalten vielmehr Denkexperimente und Denkresultate und dienten dem lebenslangen Ziel der Autorin, die Wirklichkeit des Jahrhunderts der Kriege, Revolutionen und totalitärer Systeme denkend zu bewältigen. Alle wichtigen Themen des Arendtschen Werkes, so die "Banalität des Bösen", die Bestimmung des Politischen, die totale Herrschaft, kommen zur Sprache. Die vollständige Ausgabe des "Denktagebuchs", ausgestattet mit ausführlichem wissenschaftlichen Apparat, ist unverzichtbar für alle Arendt-Leser und für Bibliotheken.