De Bono hat sich zum Ziel gesetzt, das Denken zu ergründen. Dies gelingt ihm durch eine unorthodoxe Herangehensweise. Mit viel Fantasie animiert er zu Querdenkereien und Gedankenexperimenten, die mich bereichert und überrascht haben. Sein eigener Schreibstil und die Fülle der von ihm ausgebreiteten Ideen zeugt vom kreativen Potenzial der Methoden, die er vorstellt und denen ich mich in folgender Bewertung kurz widme:
De Bonos Werkzeugkasten des Denkens hält Instrumente bereit, die zunächst sonderbare Namen tragen wie "PMI", "AMA", "ZEK" oder "BAF". Ohne genau auf die einzelnen Methoden einzugehen, die schließlich im Buch sehr anschaulich vorgestellt und erklärt werden, möchte ich sagen, dass er diese Dreibuchstabenwörter als Tools verstanden wissen möchte. Sie sollen helfen, aus gängigen Denkmustern auszusteigen und zugleich neue Denkmuster zu erzeugen. Klingen sie zunächst meist befremdlich, gewöhnt man sich an ihren Sinninhalt dann doch recht schnell. Nach einigen Gedankenübungen habe ich sie tatsächlich nicht nur erspürt, sondern auch begriffen, wie sie funktionieren. Es ist keine Esoterik oder Schamanenhokuspokus am Werk, sondern schlicht und ergreifend eine Gedankeneinstellung, die neue Reflexionsprozesse anstößt.
Schon de Bonos Grundhaltung, wonach Denken trainierbar ist und seine Flexibilität der Kreativität als Basis dient, kommt meiner eigenen Grundüberzeugung sehr nahe. Die vorgestellten Möglichkeiten zum Auffinden von Alternativen und kreativem Andersdenken finde ich hochspannend. Weil dadurch althergebrachtes Wissen hinterfragt wird, und weil es durch neue Herangehensweisen ersetzt wird.
Obwohl de Bono mit seiner Denkschule schon vom Zielpublikum her in einer etwas anderen "Liga" spielt als ein anderer Superdenker, möchte ich ihn doch in einem Punkt mit Wilfred R. Bion vergleichen. Dieser britische Psychoanalytiker hatte nach meiner Leseerfahrung mit zweien seiner hochinteressanten psychoanalytischen Werke ("Lernen durch Erfahrung" und "Transformationen") einen Grundstein für psychische Denk- und Entwicklungsprozesse gelegt. Sie finde ich hier ganz versteckt wieder. Zwar ging es diesem um das Verständnis psychotischer Denkprozesse, doch beantwortete er dabei ganz nebenbei in Ansätzen wichtige Fragen nach der Funktionsweise des Denkens überhaupt.
Mag de Bono nun in Teilen an die Gedankenexperimente des Psychoanalytikers anschließen oder nicht, zumindest verfolgt er (ohne das psychoanalytische Vokabular) ein ähnliches Ziel, auch wenn er keine psychischen Krankheiten heilen oder zumindest verstehen möchte. Indem er aber das Wachstum des Denk-Bewusstseins im Blick hat Ohne es so zu benennen und indem er gängige Theorien auf den Kopf stellt, macht er den Weg für neue Gedankenentwicklungsprozesse frei und tut dies in einer Weise, wie ich es sonst noch nicht gelesen habe.
De Bono betritt mit seinem Werk ein Terrain, das man nur abseits ausgelatschter Gedankenpfade erreichen kann. Er hilft, die Dinge auf den Kopf zu stellen und durch Merkwürdigkeiten und zunächst abstrus klingenden Logiken festgefahrenen Denkstrukturen zu entfliehen. Die unterschiedlichen von de Bono vorgestellten Puzzleteile sollen das Denken neu ordnen. Doch sie sollen es nicht nur, sie tun es auch.
Fazit: Die Einsicht, dass stupides, formelhaftes Faktenlernen nicht (mehr) ausreicht, um den neuen geistigen Herausforderungen heutiger Tage zu begegnen, sollte inzwischen jedem klar sein. Wie man aber dynamisches Denken lernt, ohne sich im Nirvana sinnloser Gedankennetze zu verfangen, dürfte wohl eine Fragestellung sein, die zu beantworten nicht leicht ist. Hier hat sich dem Problem ein Autor mit großem Erfolg gestellt. Herausgekommen ist ein Buch zum kreativen Querdenken. Glückwunsch.