Gernhardts letztes abgeschlossenes Werk: Ist da nicht pietätvolles Lorbeer-Winden angesagt? -- Abgesehen davon, dass sich derlei beim Rezensieren nicht schickt, dürfte es auch nicht im Gernhardt'schen Sinne sein, und außerdem ist Pietät sowieso nicht nötig. "Denken wir uns" ist nämlich in weiten Teilen viel hinterfotziger, als es auf den ersten Blick scheint; es kommt harmlos lächelnd daher und spielt unbeeindruckt mit den Großmeistern der Weltliteratur, variiert ihre Sujets, bittet sie vom hohen Postament herunter, und wehe, sie folgen der Bitte nicht.
Dabei ist Gernhardt viel zu klug, um Zitate und thematische Vorgaben aus Literatur und Malerei wie z.B. das Decamerone (erzählend, diskursiv und auch schonmal vors Letzte Gericht geladen), van Delfts "Musikstunde", Dekonstruktivismus-Diskurs, Bulgakows "Meister und Margarita", Walthers von der Vogelweide beim Seniorenberater chancenlose Klage "Wohin sind verschwunden all meine Jahr" oder Conrad Ferdinand Meyers "Füße im Feuer" in präpotentem Klamauk zu verwursten. Nein, da liest man viel parodierende Würdigungen, bodenständige Persiflagen und Satiren auf die Gegenwart, und da eignet sich eine Ballade schonmal zur erzählenden Reflexion über zahnärztliche Nemesis. Ganz nebenbei, in einer parodierten Decamerone-Rahmenerzählung, erfährt man nicht nur, wie man die Zeugen Jehovas an der Wohnungstür das Fürchten lehrt, sondern liest zugleich auch eine Anleitung, wie man hermetisch abgeschotteten Fundamentalisten des Alltags den Boden entzieht.
In seiner Vorrede "Denken und Spielen" gibt Gernhardt das Leitmotiv vor: Diese Erzählungen umkreisen die vernachlässigten Wasserträger und Sorgenkinder der Hohen Kunst, also z.B. einen namenlosen Landarzt, eine Berliner Tippse, eine unangenehme Bonner Vermieterin, einen unbekannten Londoner Pfandleiher Elisabethanischen Zeitalters. Seltsam, wie oft unangenehme Herrschaften es dennoch zu den Herostraten weltliterarischer Bedeutung gebracht haben, oder auch zum Faschingskostüm fürs Kinderfest ("Feind hört mit"). Eine neue Lesart von Brechts "Fragen eines lesenden Arbeiters" gewissermaßen: Cäsar hatte bei der Eroberung Galliens tatsächlich einen Koch bei sich, aber auch Master Shakespeare ist das Genie nicht aus dem geheimnisvollen Nichts mittenmang rin in den Geist gepurzelt, sondern da könnte es, denken wir uns, z.B. mal einen unangenehmen Pfandleiher gegeben haben, der sich vorzüglich zur Vorlage für einen Dramen-Drahtzieher eignete.
Neinnein, nicht, dass Gernhardt hier verkünden würde, Shakespeare oder Boccaccio hätten in ihrem Werk historisches Zeugnis abgelegt. Die Pointe zielt woanders hin, nämlich auf die Zeitlosigkeit guter Sujets. Weltliteratur erkennt man daran, dass ihr ewige Grundmuster zugrunde liegen: daran, dass in jedem Heute kein Lüftchen sich regt, und dass überall zersplitterte Ästetrümmer quer im Pfad liegen, auch auf dem Weg zum Zahnarzt. Gernhardt als Fürsprech unverwüstlicher Themen als Grundlage unsterblicher Werke.
Aber Gernhardt wäre nicht Gernhardt (leider: gewesen), hätte er dermaßen schwergewichtige Überlegungen nicht im Gewand leichtfüßiger Erzählungen und Einakter präsentiert. Um "Denken wir uns" herzhaft kichernd genießen zu können, braucht man nämlich kein Paganini der Literaturgeschichte sein. Sinn für Gernhardts gewitzten Hinterhalt genügt vollkommen, denn das ist ja das Schöne: Gernhardt ist witzig und gescheit, aber er muss nicht mit angemaßter Allwissenheit herumfuchteln, um gute Erzählungen zu schreiben. Hat er nicht nötig.
Allerdings ist ihm in "Denken wir uns" diese Eleganz gelegentlich abhanden gekommen, und Erzählungen wie z.B. "Das Leonardo-Prinzip" der mangelnden Unbescheidenheit oder "Paul und Paula" beim Verunstalten der Sprache können sich allenfalls mit einem Ephraim Kishon beim Akkordschreiben messen, aber nie und nimmer mit einem Robert Gernhardt in Hochform: zuviel Schnurren für die Fernsehzeitung. Zwar entschädigen dafür u.a. die Szenen aus van Delfts Familienleben, Onkel Herberts ungerechtem und ungerächtem, öhöm... Jagdunfall ("Der erste Jagdtag"), das Boccaccio-würdigende Schelmenstück "Pennelino" und noch einige andere -- aber... es könnte halt noch besser sein. Dennoch gilt: Viele andere hätten dem Teufel die Seele ihrer Großmutter verkauft, um nur einmal so geschliffenen Witz zu Papier bringen zu können, wie Gernhardt es hier fast durchweg tut.