Zu der Zeit als ich in den USA lebte, waren die Zeitungen voller Coupons. Diese konnte man ausschneiden und in einem Geschäft einlösen. Dafür gab es vierzig, fünfzig oder siebzig (!) Prozent Rabatt auf eine ganz bestimmte Ware. Freudig erregt schnipselte ich einige Coupons für Waren meines täglichen Bedarfs aus der Zeitung und fuhr in den Supermarkt. Dann tat ich etwas, was die US-Werbeindustrie in den Ruin getrieben hätte, hätten es alle gemacht. Ich verglich die heruntergesetzten Preise mit den regulären Preisen gleichartiger Waren im selben Regal. Und kaufte ein. Ich kann mich nicht daran erinnern, auch nur einen dieser Coupons eingetauscht zu haben. Ich fand immer ein gleichartiges Produkt zum regulären Preis - und zwar zu einem geringeren, als dem des beworbenen Produkts samt Rabatt. Heute weiß ich, ich hatte mich wie ein "Homo oeconomicus", also rational, verhalten (ausnahmsweise!). Wobei ich mich schon sehr darüber wundere, dass es noch heute Ökonomen geben soll, die ihre Wirtschaftstheorien darauf aufbauen, dass Menschen im Allgemeinen rational handeln würden.
Zu der Zeit, zu der ich meine Erfahrungen mit den Coupons machte, entwickelten Daniel Kahneman und Amos Tversky die Grundlagen zur Verhaltensökonomie, die das menschliche Verhalten in wirtschaftlichen Situationen untersucht. Dan Ariely, der am Massachusetts Institute of Technology die Forschungsgruppe eRationality leitet, wandelt auf ihren Spuren. Er entwirft praxisnahe Experimente zu menschlichen Verhaltensweisen aus der Sicht konventioneller Ökonomen, also unter der Prämisse, Menschen verhielten sich rational. Man ahnt schon: Wir verhalten uns nicht nur irrational, sondern sogar vorhersehbar irrational. Das heißt einerseits, dass wir dazu neigen, unbewusst immer wieder dieselben Fehler zu machen; andererseits gibt es uns die Chance, darauf zu achten und uns diese Fehler ins Bewusstsein zu rufen oder, innerhalb unserer Gesellschaft, die Bedingungen so zu gestalten, dass wir davor geschützt werden.
* Wir bekommen, was wir erwarten *
Es geht um Dinge, die wir alle schon erlebt haben dürften oder kennen, wenn wir uns mit Werbung beschäftigt haben. Da werden wir geködert mit Vergleichsangeboten, unter denen ein wahnsinnig teures ist. Im Vergleich *dazu* ist das andere Angebot doch preisgünstig, oder? Wirklich? Gratiszuschläge locken uns an, weil wir doch gern etwas geschenkt bekommen. Zu null Kosten! Wirklich? In anderen Fällen haben wir die Tendenz, uns viel zu lange bei der Qual der Wahl aufzuhalten, obwohl der Unterschied denkbar gering ist (dazu gibt es einen netten kleinen Test auf der Webseite des Buchs).
Am Folgenschwersten ist meiner Ansicht nach der Einfluss unserer Erwartungshaltung darauf, wie wir ein Produkt beurteilen werden (die Kapitel neun und zehn finde ich deshalb die interessantesten des Buches). Es schmeckt besser, *weil* wir wissen, dass dies unser Lieblingsgetränk ist (aber ein gemeiner Blindtest fördert gnadenlos unsere Voreingenommenheit zu Tage). Richtig heftig wird es, wenn Ariely und andere Autoren nachweisen, dass ein (angeblich) "teures" Schmerzmittel besser hilft als ein "billigeres" (auch wenn es sich um dasselbe Placebo handelt). Die Tragweite der Befunde, dass der Preis (!) einer therapeutischen Anwendung deren Wirkung beeinflusst, ist bislang in der öffentlichen Diskussion viel zu wenig berücksichtigt worden.
* Schont unseren Geldbeutel, ist dabei deutlich billiger als ein Studium der Verhaltensökonomik ;-) *
Dan Ariely gibt Tipps, wie wir manche Fallen vermeiden könnten. Oft geht es dabei aber eher um Dinge, die einem schon der gesunde Menschenverstand sagt. Manches ist typisch für amerikanische Verhältnisse und wohl eher nicht so gut übertragbar. Jedenfalls kann ich mir schwer vorstellen, dass man in Deutschland für den Fall einer Überschreitung des Kreditkartenlimits einführen könnte, dass American Express eine freundliche E-Mail an den Ehepartner schickt, mit der Nachricht, der Partner habe eben sein Limit überschritten. Einige Kapitel sind etwas flach geraten, wie der Einfluss der sexuellen Erregung auf die Entscheidungen, die wir in diesem Zustand fällen. Die vielen episodenhaften Kleinstudien sind zwar ganz interessant, aber mir fehlt eine tiefere Theorie dahinter. Und völlig unverständlich ist mir der deutsche Titel; er besagt das Gegenteil von dem, was Dan Ariely uns nahe legen möchte: Da wir *vorhersagbar* irrational sind, kann das Denken sehr wohl nützen. Entsprechend lautet auch der Titel der Originalausgabe "Predictably Irrational". Unsere Lage ist sozusagen ernst, aber nicht hoffnungslos. Alles in allem trotzdem ein lesenswertes Buch, das Anregungen gibt, wie wir unseren Geldbeutel schonen können.