Nachdem ich von "Denkanstösse 2008", das einige inhaltlich interessante und gut geschriebene Essays enthielt, sehr angetan war, kaufte ich erwartungsvoll auch die diesjährige Ausgabe.
Leider ist dieser Band eine herbe Enttäuschung. Jene vielgerühmten Denkanstösse zu finden, erweist sich als Detektivarbeit. Es mag sich der geneigte Leser am Ende des Buches selbst fragen ob die Verfasserin bei der Auswahl der Texte das nötige Fortune bewiesen hat.
Mir scheint es als habe Lilo Göttermann eine Handvoll Kapitel aus Veröffentlichungen ihr bedeutsam erscheinender, namhafter Autoren gerissen, und zu einer losen Blattsammlung verschweisst. Immerhin musste es ja neue "Denkanstösse" geben.
So wirkt "der Kampf von Hans Küng um die Wahrheit in Kirche und Gesellschaft" arg aus dem Zusammenhang weit umfangreicher persönlicher Erinnerungen gerissen. Namentlich seiner gedanklichen Auseindandersetzung mit Karl Josef Ratzinger.
In der Originalpublikation vermutlich ein hochinteressantes Zeitzeugnis, bleibt es hier im luftleeren Raum hängen. Nicht zuletzt weil mancher potentielle Leser mit dem Fachvokabular und der komplexen Gedankenwelt der Kirchentheoretiker wenig vertraut sein dürfte.
Auch der Auseinandersetzung mit der "Idee einer physikalischen Weltformel", des Physikers Robert B. Laughlin ergeht es nicht besser. Schwerfällig und für Laien kaum verständlich entwickelt er seine Gedanken in beinahe epischer Breite ohne am Ende eine einigermassen markante Pointe zu finden.
Weit interessanter und unterhaltsamer ist eine Episode aus dem Leben des französischen Mathematikers Pointcare, der sich in seiner naturwissenschaftlich äusserst bewegten Epoche mit grundlegenden Fragestellungen wie dem n-Körper Problem beschäfigte und für seine Arbeit mit zahlreichen internationalen Auszeichnungen versehen wurde.
Was allerdings ausser der Erkenntnis, dass die Menschheit den Erwerb der Grundlagen unserer modernen Physik nicht nur Einstein und Hawking zu verdanken hat, als Denkanstoss übrigbleibt, erschliesst sich nicht.
Fazit
Insbesondere für ein breiter angelegtes Publikum ist die Auswahl der Texte nicht besonders gelungen, da sie zuviel Detailwissen in hochkomplexe Wissenschaftsgebiete voraussetzen und oft aus dem Zusammenhang gerissen scheinen.
Amüsant ist in diesem Zusammenhang die Bedeutung des bereits zitierten Pointcares als mathematischem Universalgenie, der im Gegensatz zu seinen späteren Kollegen noch in allen Gebieten seines Fachs ein Grossmeister war. Hätte man diese Pointe bei der Zusammenstellung des Buches beherzigt, wäre das Ergebnis sich besser ausgefallen.
Immerhin bleibt die Erkenntnis, dass man bei Gelegenheit vielleicht doch wieder einmal etwas für die eigene Bildung tun könnte.