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In Teil 1 werden den mit Männern und männlichen Jugendlichen arbeitenden PsychotherapeutInnen in knapper Form theoretische Grundlagen zur männlichen Sozialisation und zu den Bewältigungsprinzipien des Mann-Seins an die Hand gegeben. Hierbei haben die Autoren „das Rad nicht neu erfunden", also keine eigenen, neuen Theorien zum männlichen Sozialisationsprozess entwickelt, sondern bestehende Ansätze (insbesondere das Sozialisationsmodell von Böhnisch und Winter, 1997) prägnant zusammengefasst. Die Autoren zeigen auf, wie der Zugang zu den eigenen Bedürfnissen und Gefühlen im Laufe der Jungensozialisation (etwa durch den Prozess des „Gendering") verloren geht und wie dieser Mangel-Zustand auch bei erwachsenen Männern aufrecht erhalten bleibt, z.B. durch Prinzipien der Externalisierung (Männer reden lieber über den neuen DVD-Player als über Partnerschaftsprobleme) oder durch Stummheit (Männer reden am liebsten gar nicht über Persönliches).
Beeindruckend die Strukturiertheit, Übersichtlichkeit und leichte Verständlichkeit, mit der es Neumann und Süfke gelingt, die Fachliteratur zu dieser Thematik stringent zusammenzufassen und eigene therapeutische Handlungsansätze aufzuzeigen - womit sie demonstrieren, dass etwa der männliche Sozialisationsprozess der Kontrolle auch etwas Positives an sich hat. Eine gleich vierfache Untergliederung einzelner Kapitel treibt die Strukturiertheit aber gelegentlich auf die Spitze und macht es vor lauter Struktur teilweise schwer, die Übersicht zu behalten. Halbseitige Fußnoten, bei denen sich die Autoren offensichtlich nicht entscheiden konnten, ob sie nun wirklich wichtig oder unwichtig sind, verwirren zudem zusätzlich.
In Teil 2, dem inhaltlichen Schwerpunkt ihres Buches, stellen die Autoren ihre Grundzüge der Psychotherapie mit Männern dar. Sie beleuchten (und erhellen) die Frage, wie sie Männern dabei helfen, den verschütteten Zugang zu ihren Gefühlen wieder zu öffnen, nämlich indem sie ihnen in einem Prozess positiver Nachsozialisation ein „neues Sprechen" beibringen und dann mit den Männern im therapeutischen Raum deren vergrabene Impulse „zur Sprache bringen".
Eindrucksvoll ist, wie Neumann und Süfke zu den Männern in der Therapie Kontakt aufnehmen, wie sie bei ihnen das Interesse am Sprechen (wieder) wecken. Die Ehrlichkeit und Echtheit des Therapeuten, das Ernst-Nehmen des Klienten und die humorvolle Betrachtungsweise des therapeutischen Prozesses (also des Klienten, des Therapeuten und ihrer gemeinsamen Beziehung) sind die Schaufeln und Bagger zu den verschütteten Impulsen der Männer. Die Autoren beschreiben, wie sie in der Therapie ein „Treffen" zwischen dem Mann und dem Jungen, der er gewesen ist, arrangieren oder auch den Vater des Mannes in die Therapie einladen - und auch, wie sie die beständige männliche Handlungsbereitschaft therapeutisch nutzen. Sie berichten von ihren Erfahrungen mit Männergruppen, der Therapie mit männlichen Jugendlichen u.v.m. In diesem Teil des Buches hat man als TherapeutIn immer das Gefühl, Handlungswerkzeuge an die Hand zu bekommen, die man in der Therapie mit Männern wirklich erfolgreich nutzen kann. Und erfolgreich meint immer: Der Mann findet den Zugang zu seinen Impulsen wieder.
In Teil 3 stellen die Autoren dann anhand zahlreicher Fallbeispiele praktisch dar, wie die therapeutische Arbeit mit Männern konkret aussieht, wie sie erfolgreich gestaltet werden kann. Neumann beweist in diesem Teil des Buches erneut sein schriftstellerisches Talent. Anders als in seinen vorhergehenden Büchern sind die therapeutischen Geschichten diesmal jedoch in einen theoretischen Hintergrund eingebettet, so dass das therapeutische Vorgehen nachvollziehbar und verstehbar wird. Der Humor als therapeutisches Mittel wird sichtbar und spürbar, die Emotionen und Gedanken des Therapeuten werden als wesentliche Mittel im therapeutischen Prozess erfahrbar. Hat es schon Spaß gemacht, die ersten beiden Teile zu lesen, hier kommt echte Lesefreude auf - nicht nur für Männer und TherapeutInnen.
Neumann und Süfke haben also auch ein Buch geschrieben, welches gar nicht nur rein fachlich-sachlich zu lesen ist, denn zumindest als Mann wird man sich immer wieder dabei ertappen (zunächst verstohlen heimlich), die Parallelen in seiner eigenen Sozialisation zu suchen und dann die männlichen Bewältigungsprinzipien bei sich selbst zu entdecken, z.B. die Angst vor zwischenmenschlich nahem Kontakt und die gleichzeitige Sehnsucht danach. So haben die Autoren eben nicht ein reines Fachbuch geschrieben, welches uns männlichen Lesern erneut erlauben könnte, uns von unseren Wünschen, Träumen, Gefühlen und Impulsen zu distanzieren und fachlich-sachlich den therapeutischen Prozess als solchen zu analysieren - als wären wir keine Männer und als würden wir den Schmerz, die Kälte, die Wärme, die Sehnsucht selbst nicht spüren. „Den Mann zur Sprache bringen" bedeutet eben nicht nur, den Klienten zur Sprache, zum Sprechen zu bringen, sondern auch den Therapeuten zur Sprache zu bringen. Es bedeutet, uns nicht erneut von uns selbst zu distanzieren, indem wir uns hinter Theorien und Expertenwissen verstecken, uns bemühen, die therapeutische Situation zu kontrollieren und den männlichen Klienten zu beweisen, dass Männer die besseren Männer sind, wenn sie ihre Hilflosigkeit verbergen, ihre eigenen Gefühle ignorieren und Macht ausüben, etwa indem sie den Klienten sagen, wo es lang geht.
Das Buch von Neumann und Süfke macht Spaß und es berührt. Von welchem psychotherapeutischen Fachbuch kann man das sagen?
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