Auf Seite 121 seines Diariums notiert Bukowski folgenden sehr aufschlussreichen Absatz: "Das Schlimmste ist: Einige Zeit nach meinem Tod werde ich richtig entdeckt. Alle, die mich zu Lebzeiten gehasst haben, finden mich jetzt ganz toll. Meine Worte sind überall. Clubs und Gesellschaften werden gegründet. Ekelhaft."
Dies ist vielleicht die beste Passage aus Bukowskis Tagebüchern aus dem Jahr 1991, und sie wirft gleichzeitig ein wenig schmeichelhaftes Licht auf diese Ansammlung banalster Alltagsnotizen, die man nun, über 10 Jahre nach seinem Tod auf den Markt geworfen hat.
Der harte Kern der Fangemeinde schiebt die Schuld in solchen Fällen gerne auf Bukowskis Gattin Linda, die auch noch den letzten Cent aus dem Nachlass ihres Mannes quetscht. Da mag wohl etwas dran sein, da eine Veröffentlichung wohl nie ohne die Zustimmung der Witwe geschehen wäre; es wäre jedoch trotzdem voreilig, den Autor selbst von jeder Schuld freizusprechen. Ob dies tatsächlich private Tagebuchnotizen sind, die Bukowski nur für sich selbst geschrieben hat, sei dahingestellt; in der Tat hat man beim Lesen dieses schmalen Büchleins aber immer stärker das Gefühl, hier wäre bewusst auf eine späte Veröffentlichung spekuliert worden, denn welcher Tagebuchschreiber notiert schon sämtliche Gespräche des Tages in wörtlicher Rede, gibt über exakte Gefühlsregungen seiner Dialogpartner Aufschluss ("...da wandte sie sich mit einem liebenswerten Lächeln an mich, und sagte:..."), ergeht sich in alltagsphilosophischen Überlegungen ("Die Menschheit kann ohne Literatur leichter auskommen, als ohne Wasserklosett.") und wendet sich streckenweise sogar direkt an einen imaginären Leser ("Da seht ihr es!" / "Ist doch ein lohnendes Ziel, oder nicht? Hm?")
Der Eindruck, der sich beim Lesen immer wieder aufdrängt, ist, dass hier lediglich die Etiketten vertauscht wurden: Es besteht faktisch kein Unterschied, ob man nun Bukowskis Kurzgeschichten oder seine Tagebücher liest, da ja beides größtenteils autobiographisch ist. Denn was hier als Bukowskis Privatnotizen ausgegeben ist, beinhaltet eigentlich nicht viel mehr als den gewohnten Stoff, aus dem der Autor bereits seine Kurzgeschichten strickte, nur dass die einzelnen Abschnitte statt von Titeln von einem Datum eingeleitet werden: Umfang, Sprache und vor allem Inhalt sind weitgehend deckungsgleich. Und selbst wenn man sich noch mit diesem Umstand abfindet, und den Band nicht als einen Einblick in Denken und Fühlen Bukowskis, sondern als eine weitere Kurzgeschichtensammlung akzeptiert, kommt man kaum auf seine Kosten, denn so lasch und humorlos hat man den Meister selten erlebt: Die erschlagende Mehrheit dieser Prosa-Einträge widmen sich dem Pferderennsport; daneben findet man einiges über seine Katzen, dazu jede Menge Alltagskümmernisse wie einen defekten Computer, das Sitzen im Blubberbad oder das Zehennägelschneiden. Dies mag an diesem oder jenen Tag vielleicht tatsächlich passiert sein, aber muss man tatsächlich einen zweiseitigen Prosatext daraus machen?
Und so, da sich niemals auch nur der Spur von Atmosphäre oder Ehrlichkeit einstellt, man den inhaltlichen & sprachlichen Mehrwert dieses schmalen Büchleins vielmehr guten Gewissens bei Null verorten kann, komme ich als bekennender Bukowski-Fan nicht umhin, dieser Veröffentlichung die schlechteste Bewertung geben, die hier möglich ist. Und wer immer noch unschlüssig ist, ob er nicht doch die paar Euro in diesen Band investieren soll, der kann sich durch nachfolgenden Absatz einen sehr repräsentativen Eindruck der intellektuellen und sprachlichen Dimensionen von Bukowskis spätem Journal verschaffen:
"Ich finde, wer Notizbücher mit seinen Gedanken vollschreibt, ist ein Armleuchter. Ich mache es hier nur, weil die Idee nicht von mir selbst stammt, und bin daher nur ein halber Armleuchter. Das macht es mir irgendwie leichter. Ich lass es einfach rollen. Wie eine dampfende K*ckwurst, die den Abhang runterkollert."