Die vorliegende Monographie ist ein Hybride zwischen klassischer philosophischer Religionskritik und der Kompilation religionstheoretischer Auseinandersetzungen. Dennetts Methode ist naturalistisch - Religion ist ein natürliches Phänomen - sein Religionsverständnis jedoch substantialistisch: Religion ist "Anrufung von Göttern".
Einleitende Fragen - Darf man sich Religion mit kritischer Rationalität annähern? Ist Religion überhaupt wissenschaftlicher Forschung zugänglich? - werden zugunsten des menschlichen Aufklärungsinteresses entschieden. Daraufhin stellt der Autor religionswissenschaftliche Erklärungsmodelle vor: Hat Religion evolutionsbiologische Funktionen? Ist sie ein 'Suchtmittel', das auf ein evolutionär entstandenes Rezeptorenzentrum im Gehirn ('Gotteszentrum') anspricht? Fördert sie die Fitneß? Ist sie das Ergebnis eines sexuellen Auswahlprozesses? Ein kulturelles Artefakt wie das Geldsystem? Oder nur ein nutzloses Nebenprodukt der Evolution? Dennett bezieht sich massiv auf Pascal Boyer und andere Forscher. Der Leser erfährt von der Rolle des hyperaktiven Aufmerksamkeitssystems, den Widersprüchen des intentionalen Standpunktes, der durch Sprache möglich gewordenen Erfindung virtueller Wirklichkeiten, der Bedeutung strategischer Informationen im Umgang mit 'übernatürlichen' Personen, der menschlichen Empfänglichkeit für sinnliche Schlüsselreize und kontraintuitive Anomalien, den durch Juvenilisation und Vorprägung zum Gehorsam bedingten Mißbrauchsmöglichkeiten in religiösen Vertrauensverhältnissen, der erstaunlichen Wirksamkeit von Placebo-Effekten und Hypnose und den affektiven und kognitiven Funktionen von Ritualen und Divinationen.
Es folgt eine ausführliche Auseinandersetzung mit der nach der Seßhaftigkeit entstehenden 'organisierten Religion'. Jetzt ändern sich die 'Aufgaben' der Religion und ihr Ambivalenzcharakter wird offensichtlich: zum einen ermöglicht sie eine nicht auf Verwandtschaftsloyalität beruhende Gemeinschaftsideologie, zum anderen aufgrund der Allianz zwischen politischer Führung und Priesterschaft Herrschaftssicherung. Die von den aufkommenden Theologien kultivierte Fähigkeit zur vorsätzlichen rationalen Reflexion bahnte zugleich dem Skeptizismus den Weg. Einerseits könnte Religion ein Katalysator für die Entwicklung des Moralbewußtseins gewesen sein und eine Rolle bei der Wertekonstituierung gespielt haben, andererseits beuten religiöse 'Firmen' soziale Konflikte aus und erschweren sie.
Dennett zeigt, daß in unserer Gegenwart der 'Glaube an den Glauben' vorherrscht, d.h. der Glaube, daß irgend etwas Bedeutung hat (Religion, Demokratie, Wissenschaft usw.). Religion kann auf bestimmte Gestaltungsmerkmale nicht verzichten: anthropomorphe Gottesvorstellungen, den Nebel des Unverständnisses bezüglich Glaubensaussagen ('Geheimnis') und Immunisierungsstrategien wie z.B. der Dämonisierung von Skeptikern. Dennoch nimmt der Unglaube stetig zu! Lösung: Die Gläubigen sollen lediglich erklären, daß sie glauben! Bei religiösen 'Erlebnissen' indessen handelt es sich um eine Form der romantischen Liebe, daher die starke Bindung an Gemeinschaftsgefühl, erhebende Architektur, Musik, Kerzen, Weihrauch, Erzählungen.
Unangenehm fällt auf: 1) Dennett schließt systematisch alle geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Erklärungsmodelle aus, z.B. den kulturanthropologischen Ansatz von Clifford Geertz. 2) Er ist unreflektiert Dawkins' fragwürdiger Mem-Theorie ergeben. Seine Zurückweisung aller Tabus hinsichtlich der kritischen Analyse metaphysischer Geltungsansprüche kann ich akzeptieren, ebenso seine Forderung, daß Gläubige lernen müssen, Verantwortung für die Schäden zu übernehmen, die ihre Religion anrichtet. Daß blinde Hingabe an Glaubenssätze mit Moral, Atheismus dagegen mit Unmoral verbunden wird, halte auch ich für unglücklich. Aber ist es wirklich so, daß christliche oder buddhistische Mönche, die eine vita contemplativa leben, einem Briefmarkensammler oder Golfspieler moralisch nicht überlegen sind?
Ich meine, daß Dennett sich durch die Engführung seines Theorienspektrums und die Verkürzung seines Religionsbegriffs ein tieferes Religionsverständnis verbaut. Menschen bewohnen ein Werteuniversum, in dessen Zentrum - man mag es begrüßen oder bedauern - Religion liegt. Prinzipiell alles kann in diesem Werteuniversum Sinn, Zweck, Wert und Bedeutung erlangen. Aber Werte sind variabel, arbiträr, zurückweisbar und instrumentalisierbar. Religion ist das einzige Konstanzverschaffungsmedium in einer prozessualen und werteirrationalen Wirklichkeit, und DAS erklärt ihr erstaunliches Beharrungsvermögen! Abgesehen davon, daß dem Autor jedes Sensorium für die Tiefendimension und den sittlichen Ernst von Religion fehlt, ist das Werk jedoch voller gedanklicher Anregungen und durchaus auch für Laien eine Empfehlung wert. Besonders das umfangreiche Literaturverzeichnis gewährt Zugang zu den eigentlich wissenschaftlichen Quellen naturalistischer Religionsforschung.