Vor dem Hintergrund der Debatten um „Vergangenheitsbewältigung", der Selbstmordanschläge im Kontext des „Nahost-Konflikts" sowie neuer Nationalismen mehren sich in Forschung, Politik und Öffentlichkeit Beiträge und Arbeiten, welche der Frage nach einem „neuen" Antisemitismus in Deutschland und Europa nachgehen.
Die bereits in der 2. Auflage vorliegende Monographie „Demokratie und Judenbild" von Lars Rensmann, Politikwissenschaftler an der Freien Universität Berlin und der Yale University, markiert zur wissenschaftlichen Diskussion um Relevanz, Mobilisierungschancen und Gelegenheitsstrukturen des Antisemitismus in der politischen Kultur hierbei den nüchternen wissenschaftlich-theoretischen Referenzpunkt, an dem sich bisherige und folgende Untersuchungen zum Thema zu messen haben.
In den Blick genommen werden besonders zentrale politische Akteure der extremen Rechten und Linken, aber auch Diskurse über Antisemitismus in der politischen Öffentlichkeit und demokratische und institutionelle Reaktionsbildungen. Auf Basis einer umfangreichen Daten- und Quellenlage zu den jüngsten vergangenheitspolitischen Kontroversen, den Konflikten um öffentlichen Antisemitismus (Walser-Debatte 1998, Möllemann-Eklat 2002) sowie zu neuen judenfeindlichen Mobilisierungen in der extremen Rechten und Teilen der Linken, gelingt dem Autor eine profunde qualitativ-empirische Analyse, die zudem auf quantitative Forschungsergebnisse zurückgreift. Theoretisch orientiert sich der Autor bei seiner Analyse am begrifflichen und theoretischen Repertoire der Antisemitismus-Forschung der Frankfurter Schule und kann deren analytische Bedeutung für die sozial- und politikwissenschaftliche Vorurteils- und Konfliktforschung unterstreichen. Gleichzeitig entwickelt er ein neues theoretisches Framing zur Erforschung der politischen Kultur im Allgemeinen und zu Nationalismus und Antisemitismus im Besonderen, das er unter umfassender Berücksichtigung bisheriger politik- und sozialwissenschaftlicher Ansätze auf ein neues wissenschaftliches Fundament stellt.
Neben dem überzeugenden - weil durchgehend kritisch erörterten - theoretischen Teil leistet der Autor bei der begrifflichen Herleitung seines Gegenstandes, dem Antisemitismus, Beachtliches. Auf über 70 Seiten werden theoretische Modelle zum und Ausprägungen und Typen des Antisemitismus expliziert, sowie Differenzen und Parallelen aufgezeigt. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Mobilisierungschancen des Antisemitismus im Zeitalter der Globalisierung leicht erhöht haben.
Das Buch von Lars Rensmann ist somit nicht nur politisch Interessierten mit Vorwissen empfohlen, sondern lässt auch einen exzellenten Einstieg in das Thema zu und kann auch als Grundlage für die politische Bildungsarbeit dienen. Der Band setzt den oft emotionalisierten und ideologisierten politischen Debatten eine sachliche, fundierte und differenzierte wissenschaftliche Analyse entgegen, die am Ende normativ sowohl vor Desensibilisierung als auch vor Alarmismus warnt. Dies wird wohl leider nicht verhindern, dass sich ideologisierte Personen, die beim Thema gleich „Manipulationen" wittern, durch die wissenschaftlichen Befunde und schon die bloße Auseinandersetzung mit Vergangenheitsbewältigung und neuem Antisemitismus belästigt fühlen werden.