Durch die Überalterung der Bevölkerung in der westlichen Welt haben Demenzerkrankungen in einem ungeahnten Ausmaß zugenommen. Alleine in der Bundesrepublik Deutschland gibt es zur Zeit etwa eine halbe Million Menschen, die daran leiden, jedes Jahr kommen mindestens 50.000 neue hinzu. Das Vorkommen korreliert stark mit dem Alter. Während bei den 65-69jährigen nur 1,5% Neuerkrankungen pro Jahr auftreten, steigt die Prävalenz auf fast 40% für die 90-95jährigen. Rund die Hälfte der Demenzen im Alter sind auf die Alzheimer-Krankheit zurückzuführen, hinzu kommen ca. 10% Mischformen, an deren Entstehung daneben noch andere Ursachen beteiligt sind.
Als Alois Alzheimer zusammen mit Otto Binswanger Ende des 19.Jahrhunderts begann, die verschiedenen Demenzformen des Alters zu beschreiben, wurden nur 5% der deutschen Bevölkerung älter als 65 Jahre. Altersdemenzen waren damals also eine recht seltene Erscheinung. Nach Ansicht der Weltgesundheitsorganisation gehört diese Krankheit inzwischen zu den größten medizinischen Problemen. Für die Erkrankten selbst ist es grausam miterleben zu müssen, wie ihre Gedächtnisfunktionen immer mehr versagen und ihre Persönlichkeit dadurch auseinander bricht. Das Schicksal der amerikanischen Filmschauspielerin Rita Hayworth hat schon 1987 die Dramatik der Erkrankung auch in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Ebenso furchtbar ist es für die Angehörigen, hilflos dabei zusehen zu müssen, wie ein geliebter Lebenspartner oder Elternteil immer dementer wird und schließlich in einem völlig desolaten Zustand endet.
Insofern trifft das Buch von Gabriela Stoppe auf einen breiten Kreis Interessierter. Fast alle Angehörige helfender Berufe sind inzwischen mit diesem Thema konfrontiert und es gehört zum Standard psychologischer wie auch medizinischer Ausbildung, die Grundzüge der Diagnostik und Therapie dieser Erkrankung zu kennen.
Gabriela Stoppe ist Fachfrau für dieses Gebiet. Sie studierte bis 1983 Medizin in Gießen und war dann an den neurologischen Kliniken in Bern und Hannover beschäftigt. 1986 promovierte sie in Marburg, ab 1990 war sie in Göttingen beschäftigt und war u. a. Leiterin der Gerontopsychiatrie. 1996 habilitierte sie sich über bildgebende Verfahren bei der Alzheimer Demenz und wurde 2002 apl. Professorin. Seit 2003 hat sie eine ordentliche Professur an der psychiatrischen Universitätsklinik in Basel. Aus ihrer Feder stamme diverse Publikationen, darunter auch mehrere Lehrbücher z. B. über Depression und bildgebende Verfahren in der Psychiatrie.
Inhaltlich beschäftigt sich der Band auf 172 Textseiten mit folgenden Kapiteln: 1. Epidemiologie, 2. Risikofaktoren, 3. Pathologie und Pathophysiologie, 4. Demenz und Depression, 5. Klinik und Verlauf, 6. Diagnose und Differentialdiagnose, 7. Diagnostische Verfahren, 8. Therapie, 9. Spezielle Aspekte (z. B. Ernährung, Schlaf, Inkontinenz) und 10. Versorgung (z. B. Angehörigenarbeit, rechtliche Belange, ambulante Betreuung und Heimeinweisung). Die Seiten 173-198 umfassen ein Glossar mit Erklärung der wichtigsten Begriffe, das Literaturverzeichnis, Quellennachweise und ein vierseitiges Stichwortverzeichnis.
Der Band wurde eindeutig als einführendes Lehrbuch für helfende Berufe wie auch für Studenten verfasst, wenngleich er sich sicherlich auch für interessierte Laien noch eingeschränkt eignet, wenn diese eine gewisse medizinische Vorbildung haben. Der Sprachstil ist insgesamt gut verständlich; wenngleich schon im ersten Absatz des ersten Kapitels Fachworte. 13 Abbildungen und zwei Tabellen veranschaulichen den Text. Bei den Abbildungen handelt es sich überwiegend um Flussdiagramme (z. B. über Wechselwirkungen zwischen Krankheitsstadien) und Aufnahmen bildgebender Verfahren mit Gehirnen unterschiedlicher Demenzformen. Wie in modernen Lehrbüchern üblich gibt es Marginalien am Seitenrand; wichtige Punkte wurden grau unterlegt; Definitionen mit einem grauen Balken an der Seite hervorgehoben. Prüfungsfragen gibt es dagegen nicht.
Besonders gut fand ich, dass etliche diagnostische Fragebögen, oft in voller Länge mit allen Items, beispielhaft vorgestellt werden. Hierzu gehören der Mini-Mental-Status-Test, der Uhrenzeichentest, die Geriatrische Depressionsskala, die Ischämie-Skalen, die Nurses Observation Scale for Geriatric Patients, die Behavioral Pathology in Alzheimers Disease Rating Scale, das Neuropsychiatrische Inventar, die Global Deterioration Scale, die Instrumental Activities of Daily Living Scale, die Häusliche Pflege-Skala und die Ressource Utilization in Dementia (sämtliche englische Verfahren in deutsch übersetzter Version). Der Leser bekommt damit sofort einen guten Einblick und ein praktisch nützliches Handwerkszeug.
Obwohl das Buch mit nur rund 170 Textseiten im DIN-A-5-Format recht kurz ist, gibt es einen sehr komprimierten Überblick über die unterschiedlichen Demenzformen und stellt insbesondere für den Praktiker eine absolut empfehlenswerte Lektüre dar.