Ein persönliches Buch ist Tilman Jens' "Demenz - Abschied von meinem Vater" geworden. Man merkt jeder Zeile dieses Buches an, dass es Tilman Jens schwergefallen ist, den Abschied von seinem Vater in Worte zu fassen. Ein Abschied, der so besonders ist, weil Walter Jens, der berühmte Vater, noch gar nicht tot ist. Walter Jens ist schwer an Demenz und Alzheimer erkrankt, erkennt den Sohn kaum noch. Doppelt schwer ist der Abschied, weil Ungereimtheiten in Blick auf die Vergangenheit des Vaters zurückbleiben. Die Abrechnung mit dem Vater fällt unsicher, fragend aus. Es ist eher ein Wissen-Wollen, ein letztes Aufbäumen vor der Erkenntnis, dass es unmöglich ist, die Wahrheit - so es die eine überhaupt gibt - zu fahren, vor der Erkenntnis, dass dieser Vater ihm ein Rätsel bleiben wird.
Ein Rätsel ist dem Sohn vor allem das Verhalten des Vaters, als seine Mitgliedschaft in der "NSDAP" bekannt wurde. Das 60-jährige Schweigen zu seiner "NSDAP"-Mitgliedschaft ist für den Sohn unverständlich. Vom sprachlich so gewandten Vater hätte er wenigstens irgendwann einmal eine Randbemerkung erwartet, eine kleine Erklärung zur eigenen Verfehlung. Und dann die gespielte Überraschung, als Walter Jens damit konfrontiert wurde, dass er Parteigenosse Nr.9265911 war. Für den Sohn wird der Vater zum Rätsel, als er hin- und herlaviert, anstatt dass er ein eindeutiges Statement abgibt. Nicht einmal seiner Frau hat er, als er von der bevorstehenden Veröffentlichung informiert wurde, davon berichtet, kein Wort findet sich in seinem Tagebuch.
Das Versteckspiel des Vaters bringt Tilman Jens in Verbindung mit dem Beginn der Demenzkrankheit. War es ein Zufall, dass die Demenz just da einsetzte, als die NSDAP-Mitgliedschaft bekannt wurde, fragt sich der Sohn. Eine Antwort, wie es zu dieser Lebenslüge kam, gibt es nicht. Tilman Jens nennt es in seinem Buch nie so, auch wenn es in jeder Zeile durchscheint, dass er seinem Vater seine Verteidigung nicht abnimmt. Sogar den früheren Nachbarn, Albert Schaich, zieht Tilman Jens als Parallele heran, der Gestapo-Mann nämlich ist 1945 noch zum Mörder geworden, auch er hat ein Doppelleben geführt. Während diesen aber der "Teufel der Erinnerung" plagte, beginnt bei Walter Jens das Vergessen.
In den Jahren 2003/2004 habe der Vater sich aufgegeben, der Demenz nichts mehr entgegengestellt. Sein Tagebuch beendet Walter Jens am 6. Februar mit den Worten "Ich bin so erschöpft". Die Kraft schwindet, das Buch "Frau Thomas Mann" schreibt Inge Jens allein weiter, ihr Mann fungiert nur noch formal als Mitautor. Den großen Rhetorikprofessor plagen große Selbstzweifel, er nimmt viele Medikamente, Tranquilizer, macht in Freiburg einen Drogenentzug. Wut- und Verzweiflungsausbrüche häufen sich, Walter Jens scheitert letztlich, urteilt der Sohn, an seiner eigenen Vorstellung einer Künstlerexistenz. Der Vater wird zum Pflegefall, freut sich, wenn er auf dem Bauernhof bei den Tieren ist. Kein Leben, wie es sich Walter Jens gewünscht hat.
In einem Interview zur Sterbehilfe sprach er sich im August 2001 noch dafür aus, dass man jemandem, der auf keine Heilung mehr hoffen kann, Sterbehilfe gewähren sollte. Offen spricht Tilman Jens davon, dass der Hausarzt die nötigen Medikamente besorgen hätte können, doch ein Mandat habe er nicht, dem Vater aktiv beim Sterben zu helfen. Die Aussagen des Vaters sind gespalten, er will gehen, sagt aber im gleichen Atemzug, dass das Leben schön ist. "Er will manchmal tot sein, ohne zu sterben", sagt der Sohn über seinen Vater. Der Abschied "war bitter und hat wehgetan", sagt Tilman Jens. Ein Abschiedsgespräch gab es nicht.
Tilman Jens hat mit "Demenz - Abschied von meinem Vater" ein ehrliches Buch geschrieben, das davon zeugt, wie schwer ihm das Abschiednehmen unter diesen Vorzeichen fiel. Dass er den lebendigen Vater damit begraben habe, wie Tilman Jens von der Zeitung "Die Welt" vorgeworfen wurde, ist sicherlich falsch. Vom Sockel geholt hat er ihn zweifelsohne.
(c) Thomas Sülzle von Literaturtipp.com