Schade! Wirklich schade, dass dieser Roman in China verboten ist, er hätte ein breites Publikum verdient. Er blättert, rundweg spannend und amüsant, in lebendiger Sprache mit prachtvollen Charakteren feine Ironie und plakative Komik auf. Diejenigen, die sie verstehen, werden sich köstlich über die Umdeutung der hehren kulturrevolutionären Sprüche amüsieren, die einmal eine ganze Nation in blinder Begeisterung in Bann geschlagen hatten - und deren ironische Verfremdung von den heute Herrschenden gefürchtet wird. Aber nicht die Ironie ist es, auch nicht der hemmungslose Sex, die dem Roman seine eigentliche Sprengkraft verleihen, sondern die tiefe Sehnsucht nach gelebtem Leben, die die beiden Protagonisten antreibt. ,Nun weiß ich wenigstens, dass ich gelebt habe', sagt Liu Lian nach ihrem ersten Sexrausch mit Wu Dawang, der bei ihr als Ordonanz ihres Gatten, des Batallionskommandeurs, der kein Mann (mehr) ist, ,Dienst am Volke' tut.
Ständig fürchtet man als Leser, dass letztlich doch noch die Katastrophe über die beiden Liebenden hereinbricht, ihr Verhältnis auffliegt, und die Geschichte wie in so vielen rührenden TV-Seifenopern in Tränen und Reue endet. Aber es passiert nichts dergleichen. Die beiden Liebenden trennen sich, weil die Situation es so gebietet und kehren unentdeckt in ihr normales, strikt reguliertes, sozialistisches Alltagsleben zurück. Zurück bleibt die Sehnsucht nach der Utopie von einem Leben ohne Konventionen. Die aber gibt es nicht. Liu Lian spielt weiterhin die Gattin des Bataillonskommandeurs, mit allen Privilegien ausgestattet, von denen normale Chinesen auch heute nur träumen können. Wu Dawang wird auf Führsprache Liu Lians aus dem Militärdienst entlassen und bekommt eine Stellung als Produktionsleiter in der Stadt, wohin er Frau und Sohn aus der ländlichen Einöde nachkommen lässt, und damit deren großen Traum erfüllt, aber nicht seinen eigenen.
Nach fünfzehn Jahren Ehe und Trennung, im Epilog, der laut Autor wie ein ,Hundeschwanz an einem Zobelpelz' ist, - um Wu Dawangs Augen gibt es kleine Fältchen und in seinem Gesicht haben Traurigkeit und Enttäuschung ihre Spuren hinterlassen, verabreden die beiden ein Wiedersehen. Daraufhin verschwindet Liu Lian und wird nie mehr gesehen.
Doch noch ein Happyend? Wir wissen es nicht und der Autor lässt uns bewusst im Unklaren. Eines aber wird deutlich, dass China auf seinem Weg ,reich zu werden' und ,bescheidenen Wohlstand aufzubauen', zumindest in den Städten, offenbar eines vernachlässigt hat, menschliche Werte, individuelle Sehnsüchte und das Aufbrechen von gesellschaftlichen Ritualen. Alles wird im monotonen Alltag unter ,bescheidenem materiellem Wohlstand' zugekleistert. Während der Kulturrevolution wurden die Menschen mit idealistischen Sprüchen vollgestopft, um den Sozialismus aufzubauen, gut gemeint zwar, aber unrealistisch, was folglich in Resignation enden mussten. Heutzutage fehlt der idealistische Antrieb, überhaupt etwas zur Verbesserung der Gesellschaft zu tun, was ebenfalls in Resignation enden muss, weil menschliche Zuwendung, Wärme und Geborgenheit eben nicht zu kaufen sind. Zeitungskommentatoren beklagen denn auch schon den Mangel an moralischen und ethischen Werten bei der Jugend. Aber woher soll sie die bekommen, wenn das Alltagsleben in der Stadt von mörderischer Konkurrenz und jämmerlicher Abgeschiedenheit auf dem Land dominiert wird, Romane wie der hier besprochene verboten werden, ein Roman, in dem der Autor sich mit der Seelenlage seiner Landsleute befasst, ihnen in Komik und Ironie, Sex und Verzicht, Anspruch und Realität den Spiegel vorhält und zeigt, dass das Reich der Mitte seine eigene alte Mitte verloren, aufgegeben, auf jeden Fall keine neue wiedergefunden hat. Das Individuum als Treibgut in der anonymen Masse. Und deswegen ist es schade, dass die breite und offene gesellschaftliche Diskussion über Chinas Entwicklungsweg und seine ihn tragenden Werte durch Verbote zugepflastert wird. Keine gute Aussicht auf die Zukunft.