Vorweg: Das ist ein prima Buch. Michael Tsokos hat nicht einen Pitaval aus Sicht der Ermittler geschrieben, sondern ein kleines Lehrbuch der Rechsmedizin, bloß mit dem Unterschied, dass es für jeden Menschen verständlich, stilistisch sehr angenehm und mit einigen persönlichen Informationen versehen ist. Wer hätte beispielsweise geahnt, dass der Chef der Berliner Institute für Rechtsmedizin früher ein feste feiernder Student war, der sich als Kind für Robin Hood interessierte?
Die privaten Informationen sind natürlich nur Einsprengsel, die das Buch noch flüssiger lesbar machen, als es sowieso ist. Die zwölf von Tsokos ausgewählten, von ihm selbst bearbeiteten Fälle sind in erster Linie wirklich interessant und lehrreich -- das heisst: nicht einfach spektakulär.
Drei meiner Studentinnen (Anya Jones, Univ. Amsterdam, Isabell Lebküchner, Univ. Osnabrück und Katharina Pressler, Univ. Graz) lasen Probe und freuten sich über gut ausgewählte Beispiele zu Enthauptungen (samt Erwähnung der Bedingungen, unter denen Suizidenten ihren Kopf verlieren kann) samt stufenweiser Erklärung des dazu gehörenden Sektionsprotokolls, einen Tod durch Verhungern, der gar keiner war, unerwartete Anmerkungen zu Erfrierungen sowie zwei ungewöhnliche Fälle, in denen Feuer zwar eine Rolle spielte, aber erst nach rechtsmedizinischer Untersuchung Schlüssel zur Aufklärung des Geschehenen wurde.
Wie Tsokos zurecht schreibt, gibt es in Deutschland nur vergleichsweise wenige Fachärzte/innen für Rechtsmedizin, und wie ich ergänzen möchte, suchen viele Jüngere mit falschen (cineastisch motivierten) Erwartungen die Nähe zu den forensischen Feldern. Das vorliegende Buch hilft ausgezeichnet, das zu ändern, weil es es zeigt, dass das scheinbar schauerlichste medizinische Fach in Wirklichkeit nicht nur spannend, nützlich und lehrreich ist, sondern sehr viel Wissen, Erfahrung und professionelle Distanz zum Gegenstand der rechtsmedizinischen Untersuchung erfordert: den Leichen von Menschen, die durch Gewalt gestorben sind.
Ich bin erleichtert, dass ich meinen FreundInnen ein außergewöhnlich gut lesbares, sauber lektoriertes und wirklich lehrreiches Taschenbuch empfehlen kann, das Todesfälle aus der Sichtweise des Facharztes schildert.
Meine drei studentischen Probeleserinnen hätten sich über Abbildungen und ein Verzeichnis mit weiterführender Literatur gefreut; ich meine aber, dass das Buch eine derart runde Sache ist, dass es problemlos für sich steht und -- wie es früher hieß -- "ausgewählte Kapitel der Rechtsmedizin" modern, flott, sachlich richtig und vor allem ohne künstlich aufbauschenden Klimbim so erzählt, dass es genau das leistet, was es offenbar möchte: Zu zeigen, dass die Wirklichkeit spannender ist als jede Erfindung, dass Todesermittlungen durch den rechtsmedizinischen Blick grundsätzlich gewinnen und dass der Leiter der Berliner Rechtsmedizin über sein Fachwissen hinaus Herz und Verstand hat.
Mark Benecke, Kriminalbiologe