Es gibt von Ernst Schubert das gut geschriebene und gründlich recherchierte Buch "Essen und Trinken im Mittelalter", es gibt den lesenswerten Band mit Vorträgen "Essen und Trinken in Mittelalter und Neuzeit" und das wunderbar illustrierte Werk "L'Europe à Table" von Jean Ferniot, um nur ein paar faszinierende Bücher zum Thema "Essen und Kochen" zu nennen. Jetzt gibt es auch noch "Delizia!", aber in dem Opus erfährt man herzlich wenig über die italienische Küche, und ein Lesegenuss ist diese seichte Kost auch nicht.
Der Autor betont mehrfach, dass nur wenig über die Essgewohnheiten gerade der einfachen Menschen im Lauf der Jahrhunderte bekannt sei (ich kann nicht beurteilen, ob das für Italien stimmt) und greift nur einzelne Aspekte heraus, die er dann als Ausgangspunkt für Anekdoten und Histörchen verwendet.
Der Geograph al-Idrisi erwähnt Mitte des 12. Jahrhunderts die Produktion von Teigwaren in großem Stil auf Sizilien - darüber gibt es ein paar magere Zeilen, aber einiges über al-Idrisis Tätigkeit, seine Weltkarte sowie negative Kommentare über dessen Auftraggeber, König Roger II. Dieses Beispiel ist typisch für das ganze Buch: Man könnte über die Hälfte der Seiten ganz herausnehmen, ohne auch nur eine einzige Zeile zum Thema Essen zu verlieren. In 20 Kapiteln greift der Autor einzelne Aspekte der italienischen Geschichte heraus, die in mehr oder minder lockerem Zusammenhang mit Essen und Kochen stehen: Marco Polo brachte nicht die Nudeln aus China nach Italien, aber Venedig war Hauptumschlagsplatz für Gewürze und von dort stammt auch ein Kochbuch aus dem 14. Jahrhundert mit zahlreichen Angaben zu Gewürzmischungen. Viel Konkretes über dieses Kochbuch erfahren wir nicht, der Autor schweift bald wieder ab.
Im Vorspann des Buches wird Dickie als Historiker und Journalist bezeichnet (aber er unterrichtet Romanistik); was den vorliegenden Band betrifft, hat ganz offensichtlich der Journalist die Oberhand gewonnen. In seiner Beurteilung einzelner Personen (Roger II. wird als Tyrann dargestellt, in dessen Umkreis eine "Atmosphäre der Angst" herrschte) und Staaten ("Venedig wurde durch Sklaverei reich.") ist der Autor sehr plakativ - von einem "Historiker" hätte ich ein differenzierteres Urteil erwartet.
Ich habe schon bald angefangen, den Text nur noch diagnonal zu lesen (die meisten Tratsch- und Klatschgeschichten im Buch interessieren mich nicht), bin aber auch so immer wieder über fragwürdige Äußerungen gestolpert: "Theoderichs [des Großen] Gesichtszüge und sein sanfter Blick sind uns heute in Form eines großartigen Mosaiks bekannt; dieses befindet sich an der Westwand der Kirche San Apollinare Nuovo in Ravenna." Ich war dort; ich habe einen Reiseführer für Ravenna und einen Bildband über die Mosaiken dort - noch nie habe ich gehört oder gelesen, dass irgendeine der dargestellten Personen die Züge Theoderichs tragen soll. (Darstellungen des Königspalastes und des höfischen Gefolges wurden, wie man weiß, energisch aus der Kirche entfernt - wieso hätte da ausgerechnet das Porträt des Herrschers erhalten bleiben sollen?) Möglicherweise glaubt der Autor, Theoderich in einem der Heiligen Drei Könige erkennen zu können - aber dieses Mosaik stammt aus der Zeit Kaiser Justinians, dessen Generäle das Gotenreich und die Nachfolger Theoderichs vernichteten ... Mit Essen und Kochen hat dieser Punkt, genau wie viele andere, natürlich gar nichts zu tun.
Auch der Übersetzer leistet sich einige Schnitzer. Nachdem von Käse mit Birnen die Rede ist, schreibt er auf einmal "Käse und Erbsen" - ich vermute, er hat "pears" (Birnen) mit "peas" (Erbsen) verwechselt. Eine sizilianische Cassata (kein Eis, sondern ein üppiger Kuchen) ist sicherlich nicht "von Streifen aus geeistem Marzipan" umhüllt; im Original steht wahrscheinlich "icing", worunter man einen Kuchenbezug versteht (sugar icing = Zuckerguss), mit Eis hat das nichts zu tun. Die "stacheligen Birnen" sind vermutlich eine falsche Übersetzung von "prickly pears" (= Kaktusfeigen). "Pugliese" statt Apulier ist im Deutschen ungebräuchlich, genau wie die Bezeichnung "Heiliger Römischer Kaiser" (Kaiser des Heiligen Römischen Reiches), und die Armen Bolognas, die sich zur Belustigung der Reichen um ein Spanferkel balgen, als "Abschaum der Stadt" zu bezeichnen, ist einfach abstoßend.
Gleich am Anfang des Buches gibt es eine kleine Landkarte, auf der Mantua nordwestlich von Venedig eingetragen ist - irgendwie bezeichnend für die fachliche Qualität dieses Werks.